Die Energie der Attraktionen

26. März 2005, 23:54
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Was haben Blockbuster wie "Black Hawk Down" mit dem frühen Kino zu tun? US-Filmhistoriker Tom Gunning im Interview

Was hat ein Blockbuster wie "Black Hawk Down" mit dem frühen Kino zu tun? Dominik Kamalzadeh und Isabella Reicher sprachen mit dem US-Filmhistoriker Tom Gunning über das Fortleben ältester Kinotraditionen.


Wien - Das US-Blockbuster-Kino gilt gemeinhin als eine Erfindung der 70er-Jahre. Filme wie Steven Spielbergs Der weiße Hai oder George Lucas' Star Wars setzten damals neue Maßstäbe in Sachen Verwertungsmöglichkeiten und Marketing. Spektakuläre neue Effekte oder Actionsequenzen wurden neben den erzählten Geschichten zu einem wesentlichen Element des Unterhaltungskinos.

Dabei war schon das frühe Kino an spektakulären "Stoffen" - Autounfällen, Überfällen, Feuerwehreinsätzen u. ä. - interessiert. Sein primäres Anliegen war das Zurschaustellen. Einer, der die Anfänge der Filmgeschichte speziell unter diesem Gesichtspunkt untersucht hat und damit wesentlich zu ihrer Neubewertung beitrug, ist der US-Filmhistoriker Tom Gunning.

Sein Konzept eines "Kinos der Attraktionen" beschreibt die Konzentration auf Schauwerte, die das Early Cinema charakterisiert, nicht als Mangel: Für das Verhältnis zum Publikum waren die Attraktionen ebenso bestimmend wie für die innere Struktur der Filme. Das Zusammenspiel von Zeigen und Erzählen musste erst ausverhandelt werden. Im zeitgenössischen Blockbuster-Kino, so Gunning, leben die Attraktionen in "gezähmter" Form weiter.


STANDARD: Liest man Ihre Ausführungen zum frühen Kino, dann fühlt man sich an heutige Blockbuster erinnert ...

Tom Gunning: Das stimmt, wenngleich man sich vor Vereinfachungen hüten sollte. In seinen ersten zehn Jahren war das Kino primär von Attraktionen geprägt, und die sind später nicht einfach verschwunden. Schon damals wurde im Kino jedoch auch erzählt. Nur war die Erzählung oft ein Vorwand, um Effekte u. ä. auszustellen. Das gilt für die gesamte Geschichte Hollywoods, und ich finde, dass das Verständnis von Hollywood durch die Konzentration auf die Erzählung ein bisschen verzerrt wurde. Das internationale Unterhaltungskino arbeitet immer noch aus einem "Kino der Attraktionen" heraus, unterwirft es aber erzählerischen Regeln.

STANDARD: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Gunning: Ein Film, der in diesem Zusammenhang oft angeführt wird, ist Jurassic Park. Natürlich sieht man sich den nicht an, weil man die Geschichte des Paläontologen-Paares sehen will oder die Probleme, die sie mit den Kindern haben - man geht hin wegen der Dinosaurier. Aber solche Elemente allein würden schnell langweilig, und deshalb führt die Erzählung Dinosaurier ein, lässt sie wieder verschwinden, und man beginnt sich zu fragen: "Wann kommen sie zurück?" Insofern ist das Zusammenspiel zwischen erzählerischen und eher spektakulären Elementen entscheidend. Außerdem ist es die Erzählung, die Machtverhältnisse ausarbeitet. Attraktionen alleine können das nicht.

STANDARD: Ist es trotzdem möglich, die Attraktionen auch in einem politischen Sinn zu definieren, zum Beispiel, wenn man daran denkt, wie Black Hawk Down die Zurichtungen der Körper fetischisiert?

Gunning: Ich würde sagen, die Erzählung politisiert die Attraktionen. Um deren Energie zu konsumieren, braucht das Publikum die Story, und darin liegt auch ihre Gefahr. Damit meine ich jedoch nicht, dass sie unschuldig sind. Aber sie sind in einem großen Maß pure Energie, und die Geschichte lenkt diese Energie in bestimmte Bahnen. Bei Attraktionen geht es darum, in Erstaunen zu versetzen, und es gibt einen bestimmten Typus einer Politik des Spektakels, für den Erstaunen essenziell ist. Aber ich würde nicht sagen, dass sie notwendigerweise sprachlos machen, dass man vor ihnen zwangsläufig passiv werden muss.

STANDARD: Trotzdem wird der Wirkung von Attraktionen mit einem gewissen Misstrauen begegnet ...

Gunning: Die Leute wollen bestimmte Empfindungen erleben, unabhängig von einer tatsächlichen Erfahrung. Das kann man nun sehr moralisch sehen, was mir eher suspekt ist. Es ist natürlich fatal, wenn man nicht weiß, dass diese Trennung möglich ist, und die Bilder, die diese Empfindungen auslösen, mit der Realität verwechselt. Aber ich glaube, die meisten Zuseher sind sich dessen viel mehr bewusst, als ihnen unterstellt wird.

Die Gefahr liegt darin, das Bild mit der Realität zu verwechseln. Was natürlich speziell im Hinblick auf die US-Politik beängstigend ist, die ja ganz eine Politik der Bilder geworden ist. Aber eine Möglichkeit, dem entgegenzutreten, ist zu verstehen, worin das tatsächliche Vergnügen an Filmen liegt, und dann dafür zu sorgen, dass die Leute dieses Vergnügen im Kino finden und nicht in der Politik. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.11.2002)

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    Tom Gunning

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