"All or Nothing": Erstarren vor den Verhältnissen

27. Juli 2004, 15:44
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Mike Leigh schildert in "All or Nothing" einen Überlebenskampf am Rande von London mit ungemein viel Einfühlungsvermögen

Der britische Regisseur Mike Leigh bewegt sich in seinem neuen Film, der nun in die heimischen Kinos kommt, wieder auf bewährtem Terrain: Mit ungemeiner Empathie breitet er in "All or Nothing" den alltäglichen Überlebenskampf dreier Familien in einem Arbeiterwohnhaus am Rande Londons aus.


Wien - Es kommt der Moment, da wird einem die Unmöglichkeit, so weiterzuleben wie bisher, bewusst. Ein Unglück bewirkt die Aussprache oder vielmehr - erstmals in diesem Film - die Artikulation von Gefühlen zwischen dem Paar Phil (Timothy Spall) und Penny (Lesley Manville). Sie haben sich daran gewöhnt, sich zu ignorieren, sich mit vorwurfsvollen Blicken zu betrachten, und nunmehr folgt der Befund, dass dieser Zustand unerträglich ist.

Es ist ein weiter Weg bis zu dieser eindringlichen Szene in Mike Leighs jüngstem Film, All or Nothing, mit dem sich der britische Regisseur nach dem Kostümfilm Topsy-Turvy wieder in sein angestammtes Milieu, jenes der Arbeiterklasse, und in die Gegenwart zurückbegeben hat.

Unbeirrt setzt er hier ein Werk fort, das sich mit den Auswirkungen des Thatcherismus auseinander setzt, an denen auch die Regierung Blair nicht viel ändern konnte. Das sich jedoch auch, anders als das Kino seines Kollegen Ken Loach, weit weniger programmatisch in seinem politischen Anspruch versteht.

Denn bei Leigh ist die Wirklichkeit das Material, aus dem er seine Geschichten (und seine Figuren) formt. Das hat Methode, da er mit seinem Ensemble in einem langen Probenprozess aus zunächst vagen Ideen allmählich ein Drehbuch konstruiert.

All or Nothing spielt in einer Wohnhaussiedlung im Südosten Londons - deren Struktur liefert auch die Ordnung für den dramatischen Bau des Films. Es geht um Nachbarschafts- und Familienverhältnisse, die fest verankert sind in einem ökonomischen Zusammenhang. Bevor wir wissen, dass Phil und Penny ein Paar, Rory (James Corden) und Rachel (Alison Garland) ihre übergewichtigen Kinder sind, erfahren wir, wo sie arbeiten.

Phil fährt Taxi, in dem er wie ein trauriger Riese sitzt und über den Rückspiegel Blicke auf andere Lebensweisen wirft. Penny ist Kassiererin im Supermarkt, und Rachel putzt in einem Altersheim mit eigentümlich stiller Hingabe. Schon in diesen Szenen zeigt Leigh mehr als das Faktische, er etabliert Eigenschaften, führt vor, wie sich seine Figuren zu ihrer Umwelt verhalten. Wie sich ein Verhältnis auf das andere auswirkt.

Tägliche Beschämung

Das gilt genauso für das Familienleben. Einmal etwa erbettelt Phil das fehlende Geld für die Taximiete von seiner Frau und den Kindern, ein schamvoller Vorgang, den Leigh nicht abkürzt. Aber erst beim gemeinsamen Essen kommt es zum Streit, wohl weil sich hier die Entfremdung am deutlichsten zeigt, wenn Rory den Blick auf den Fernseher gerichtet lässt.

Nebenan sieht es nicht besser aus. Ein Paar ertränkt seinen Frust im Alkohol, die Tochter von Maureen (Ruth Sheen), der einzigen Person in All or Nothing, die sich gegen die Umstände zu widersetzen weiß, ist schwanger von ihrem Freund, mit dem sie fast nur brüllend kommuniziert - Leigh führt mit seinen jugendlichen Figuren vor, dass die nächste Generation die Geschlechterrollen ihrer Eltern oft einfach übernimmt.

Bleak Moments - trostlose Momente - hieß der erste Film Leighs. In All or Nothing enthüllt er diese auf mehreren erzählerischen Pfaden - und mittels Bildern, denen eine physische Intensität zu eigen ist. Die Nähe, die Leigh dabei dem Milieu gegenüber einzugehen wagt, ist groß. Dass er der Ausstellung von Sozialtristesse entgeht, verdankt sich der Präzision seiner Darsteller, auch einem grimmigen Humor, der sich stets innerhalb des Dramas entfaltet.

Ist All or Nothing vom Sozialrealismus geprägt, so beschreibt die Fabel doch einen klassischen Bogen. Als Rory einen Herzinfarkt erleidet, tritt ein Ereignis ein, das zum Prüfstein für die Familie wird. Sie wird zusammengetrommelt, aber Phil ist einmal mehr in Gedanken versunken, auf eine Spritztour ans Meer aufgebrochen.

Bis dahin war der Film eher lose szenisch organisiert, von einem eine Spur zu aufdringlichen musikalischen Motiv geführt. Der dramatische Höhepunkt - die Konfrontation aller Familienmitglieder am Krankenbett, zu dem Phil zuerst gar nicht wagt hinzuzutreten, und das lange Gespräch der Eltern - ist zugleich der Moment, an dem ein Neuanfang möglich scheint.

"Wir haben nicht viel, aber wir haben uns." Man sollte diese Einsicht nicht als zu versöhnlich missverstehen. Vielleicht ist es nur der Augenblick, an dem ein Mensch aufhört, Kalenderweisheiten von sich zu geben, und wieder anfängt, etwas zu tun. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.11.2002)

Von
Dominik Kamalzadeh

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