"Die Waffe war mein zweites Ich"

15. Februar 2003, 01:18
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China Keitetsi kämpft mit ihrem Buch "Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr" gegen die Rekrutierung von KindersoldatInnen

Ihre Kindheit und Jugend in Uganda war geprägt von Gewalt und Kampf: Schläge von Vater, Großmutter und Stiefmutter, sexueller Missbrauch. Doch die Flucht von zu Hause treibt China Keitetsi erst recht in die Arme von Gewalttätern und beruflichen Mördern. Im Alter von acht Jahren kommt China in die Fänge von Soldaten der Guerilla-Armee, die Diktator Mitlton Obote stürzen wollen. Im Rekrutierungslager wird China zur Kindersoldatin ausgebildet, das Gewehr wird ihr ständiger Begleiter – ihre Sicherheit. "Ohne meine Waffe war ich aufgeschmissen, fühlte mich schutzlos. Die Waffe war mein zweites Ich." Obwohl das Mädchen oft mit ihren angeblichen Feinden Mitleid empfindet, ist sie eine pflichtbewusste, verlässliche Soldatin. Schießt und foltert auf Befehl - so wird sie bald Frontsoldatin und Leibwächterin hoher Militärs. China ist Täterin und Opfer zugleich. Gefährliche Soldatin und Vergewaltigungsopfer Männer höheren Ranges. Gehorchen, stillhalten, ertragen, aushalten, verteilen. Über zehn Jahre lang.

Ihr gelingt neuerlich eine scheinbare Flucht durch fünf Länder Afrikas. In Südafrika verfällt sie dem Alkohol und ist wieder der Gewalt eines Mannes ausgeliefert. Doch eines Tages schafft sie den Kontakt zu internationalen Hilfsorganisationen. China leidet unter Alpträumen, Depression und psychosomatischen Beschwerden. Die UN unterstützt sie dabei, Afrika zu verlassen. China findet Exil in Dänemark, freundliche Menschen und Hoffnung.

Sie beginnt ihr Leben als Kindersoldatin aufzuarbeiten und eine Ausbildung als Sozialarbeiterin. In ihrem Buch "Sie nahmen mit die Mutter und gaben mir ein Gewehr", schildert sie ihr bisheriges Leben und machte damit weltweit auf das Problem KindersoldatInnen aufmerksam. Seitdem ist China wieder viel auf Reisen. Enthüllt in Talkshows die bittere Realität von jugendlichen Kampfmaschinen. Sie befindet sich noch immer im Kampf: Gegen die schrecklichen Bilder in ihrem Kopf, für ihre eigenen Kinder, die sie in Afrika zurückließ und dagegen, dass noch immer Kinder als KriegsdienerInnen missbraucht werden. Doch sie kämpft jetzt mit friedlichen Mitteln und nicht allein, sondern mit einer Organisation, von der sie erstmals weiß, für welche Inhalte sie steht - der UNICEF.

Der Lebensleitsatz der 26 Jährigen, der sich auch im Buch findet, lautet: "Nichts ist schlimmer als zu schweigen, denn dann vertut man die Chance, sich näherzukommen." Chinas reden und schreiben gilt den über 300.000 Kindern auf der ganzen Welt, sind aktiv an Kampfhandlungen beteiligt sind. Dies, obwohl das Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention den Kriegseinsatz von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren verbietet. Es wurde von 109 Staaten unterzeichnet, jedoch nur von 35 Ländern ratifiziert. (pd)

China Keitetsi
"Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr"
2002, EUR 20.60
ISBN 3550075561
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    ullstein
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