Zahnrädchen für den großen Fleischwolf

26. März 2005, 23:54
posten

Zur neuen Doku-Filmreihe "Unter Kontrolle" im Filmhaus am Spittelberg

Wien - Es ist dieser Tage ein bezeichnendes Manko, dass zunehmend komplexen politischen und sozialen Verästelungen der Gegenwart zunehmend simple dokumentarische Erzählungen kaum noch entsprechen können - zumindest im Mainstream des Kino- und Fernsehalltags. Der ORF zum Beispiel weigert sich in ignoranter Konsequenz beharrlich, seriöse Schienen für den Dokumentarfilm zu etablieren, der über Reporte an diversen Schauplätzen hinausgeht. Bis auf wenige Ausnahmen ist das Genre meist ein klarer Fall für Festivals.

Eine dieser Ausnahmen bietet nun im Filmhaus am Spittelberg die Reihe Unter Kontrolle. Kuratiert wird sie von der Plattform "Kinoreal" - den Filmpublizisten Dominik Kamalzadeh, Michael Loebenstein und Dieter Pichler. Jeweils am zweiten Mittwoch eines Monats (die erste Veranstaltung findet heute statt) werden sie "mindestens zwei Filme aufeinander treffen" lassen, "thematische Knotenpunkte" bilden.

Durchgängiges Thema im ersten Halbjahr von Unter Kontrolle: "Die Krise von Institutionen". Krankenhäuser etwa, Schulen oder eben heute Fabriken. Genauer: Die "Tierfabrik", betrachtet vom Schweizer Filmemacher Erich Langjahr in Bauernkrieg.

Langjahr lässt Bauern, Ärzte und Arbeiter erzählen, die täglich in einen industrialisierten Prozess von Milch-und Fleischproduktion (und Restverwertung) eingebunden sind, oder vielmehr als Zahnrädchen einer größeren, zunehmend in fließbandartigen Arbeitsschritten strukturierten Maschinerie funktionieren sollen. Bauernkrieg (1998) - erstmals in Wien präsentiert - protokolliert diese Entfremdung gleichermaßen, wie die Auflehnung dagegen in Demonstrationen oder die Desperation bei Zwangsversteigerungen von Bauernhöfen.

Dem steht nun mit Frederick Wisemans Meat (1976) ein weiteres Dokumentarfilm-Meisterwerk entgegen: Auch Wiseman konzentriert sich auf Arbeitsprozesse, eine scheinbar perfekte Automatisierung, in der schwer unterscheidbar wird, was noch den Unterschied zwischen Menschen-Material und Tier-Material ausmachen soll. Beides: Waren, die für den obligaten Tauschverkehr zur Verfügung stehen (müssen) und die man bei Bedarf auch eilfertig austauschen können will. Sosehr Wiseman sich selbst didaktische Kommentare verweigert: Unbehagen kommt auf. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.11.2002)

Von Claus Philipp

"Unter Kontrolle",
Wr. Filmhaus am Spittelberg;
7., Spittelberggasse 3, Tel. 522 48 16

13.11.:
"Meat": 19.00;
"Tierfabrik": 21.00

Link

Kinoreal.at

  • Standbild aus einem Film über die Leistungsgesellschaft: "Bauernkrieg" (1998) von Erich Langjahr
    foto: kinoreal/langjahr

    Standbild aus einem Film über die Leistungsgesellschaft: "Bauernkrieg" (1998) von Erich Langjahr

Share if you care.