Politik und TV: The show must go on

26. August 2003, 19:14
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Das Fernsehen wurde zum entscheidenden Schauplatz der Wahlauseinandersetzung

Wien - "Der Druck auf Politiker vor Fernsehkonfrontationen ist irrsinnig gestiegen - vor allem auf den Herausforderer." Das sagt Meinungsforscher Peter Ulram (Fessel-GfK) und verweist auf den (auch am TV-Schirm) verlorenen Wahlkampf von Edmund Stoiber in Deutschland. In Österreich haben frühere schwarze Politiker ihre TV-Waterloos erlitten: Josef Taus gegen Bruno Kreisky, Alois Mock gegen Franz Vranitzky. Mit Wolfgang Schüssel hat die ÖVP erstmals jemanden, der TV-Duelle nicht fürchtet. Im Wahlkampf 1995 konnte er sogar Medienkrampus Jörg Haider in Schach halten. Sein Spott über dessen umgefallenes "Taferl" entsorgte letztlich diese blaue Mode.

Nicht nur das Taferl ist weg. Generell verlaufen die diesjährigen Konfrontationen fast ohne Accessoires. War doch deren Überraschungseffekt zu Beginn am größten: der des Taferls genauso wie jener des Tonbands, mit dem einst Heide Schmidt Jörg Haider eigene Aussagen vorspielte und ihn damit irritierte. Im Wahlkampf 1994 hat ORF-Informationsintendant Johannes Kunz die Zweikämpfe, bei denen jeder gegen jeden in den Ring steigt, erfunden. Schon im Wahlkampf 1995 sahen laut einer Erhebung des Politologen Fritz Plasser nur 19 Prozent keine TV-Debatte.

1999, analysiert die Meinungsforscherin Imma Palme (Ifes), ging die Bedeutung leicht zurück - diesmal sei sie aber wieder sehr hoch. Das zeige sich auch an der Zuseherzahl: Fast eine Million verfolgen im Frühaufsteherland die nächtlichen Rededuelle.

Viele Unentschlossene

Vor allem Unentschlossene lassen sich beeinflussen. Wer schon vorher von einem Kandidaten überzeugt ist, sieht ihn fast immer als Gewinner aus der Diskussion hervorgehen. Nach der Wahl 1999 haben 17 Prozent in einer Fessel-Studie angegeben, dass die Fernsehauftritte entscheidend dafür waren, wem sie ihre Stimme gegeben haben.

Auch diesmal seien noch ein Drittel der Wähler unentschlossen - und für TV-Debatten empfänglich, meint Palme: "Entscheidend ist, wem es gelingt, die Unentschlossenen anzusprechen. Derzeit schwanken etwa viele Wähler zwischen ÖVP und SPÖ." Wobei, meint Palme, nicht nur der TV-Auftritt an sich entscheidend sei: "Die Nachbetrachtung ist mindestens genauso wichtig - sowohl die in den Printmedien als auch Gespräche im Kollegen- und Freundeskreis. Da bildet sich die Meinung, wer besser abgeschnitten hat."

Was die Zuseher übel nehmen: Stehsätze und Arroganz gegenüber dem Gegner. Genau geschaut wird auf Schlagkräftigkeit und ob einer seine Themen rüberbringt. Letzteres habe Van der Bellen gegen Schüssel nicht geschafft, sagt Ulram, und Haupt habe sich zu lange von Schüssel auf unangenehme Themen festnageln lassen. Dafür habe Haupt, meint Palme, in seinen Auftritten sehr tapfer gewirkt - "wie wenn Österreich gegen Brasilien Fußball spielt und weiß, dass es keine Chance hat, aber trotzdem kämpft". Gusenbauer hingegen sei es gelungen, sein Image der Arroganz zu korrigieren.

Wichtig sei in Summe, was "optisch-emotional" rüberkommt, sagt Ulram. Von den inhaltlichen Botschaften blieben ohnehin nur "drei bis vier Punkte" übrig. Einen Trost hat er immerhin für TV-gestresste Wahlkämpfer: Als Ausgleich seien Reden vor Massenpublikum nicht mehr so wichtig.

Und gar nicht wichtig, ergänzt Palme, seien Plakate - die "wirken höchstens auf die eigenen Funktionäre. Aber anscheinend müssen Plakate trotzdem sein, weil keine Partei hinter der Konkurrenz zurückstehen will." (Eva Linsinger, Martina Salomon/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.11.2002)

In einem so kurzen Wahlkampf wie diesmal spielen die TV-Konfrontationen eine überdurchschnittlich große Rolle. 17 Prozent der Wähler ließen sich 1999 von Fernsehauftritten beeinflussen.
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