"Spurwechsel": Auf der Straße der Vergebung

26. März 2005, 23:57
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Das US-Sozialdrama "Spurwechsel / Changing Lanes" mit Ben Affleck und Samuel L. Jackson

Wien - Beide haben Eheprobleme, beiden steht ein Freund mit Rat zur Seite, und beide haben am gleichen Tag einen wichtigen Termin vor Gericht. Damit sind allerdings bereits alle Gemeinsamkeiten von Gavin Baneck und Doyle Gibson aufgezählt. Ersterer ist ein erfolgreicher Anwalt, der gerade dabei ist, für seine Kanzlei eine widerrechtlich erworbene Treuhänderschaft abzusichern; Gibson hingegen - Versicherungsvertreter, Afroamerikaner, Exakoholiker - kämpft darum, weiter seine Kinder besuchen zu dürfen.

Spurwechsel/Changing Lanes, inszeniert von Roger Mitchell (Notting Hill), beginnt damit, dass die beiden auf dem Freeway zusammenstoßen. Gibson kommt deshalb zu spät zu seinem Prozess, Baneck lässt ein wichtiges Dokument am Unfallort zurück, ohne das er den seinen nicht gewinnen kann. Womit die denkbar ungünstigen Umstände einer Begegnung etabliert sind, die im Lauf des Films zu einem Streit ausarten, in dem keiner der Beteiligten nachgibt, bis dieser immer mehr eskaliert.

Was ein Thriller hätte werden können, der seine Kraft aus alltäglichen gesellschaftlichen Widersinnigkeiten schöpft, entwickelt sich hier allerdings zum moralinsauren Sozialdrama. Oder: Zuerst tut man sich weh, dann bekommt man Gewissensbisse - für diese Form der Wandlung scheint kein Schauspieler geeigneter als Ben Affleck, dessen Mimik oft an einen Buben erinnert, den man bei etwas Unerlaubtem erwischt hat. Und als Baneck hat er viel zu bereuen: nicht nur, Gibson mithilfe eines Hackers bankrott gemacht zu haben, sondern alsbald seine ganze Existenz.

Samuel L. Jackson (in der Rolle seines wütenden Gegenspielers) bleibt in Spurwechsel so nur die Straße des Verlierers. Er geht zwar auf keine Erpressungsversuche ein, dafür wieder in die Bar, wo er den nächsten Streit losbricht, dann sogar ins Gefängnis; aber erst sein weißer Samariter mit dem viel sagenden Namen Sponsor (William Hurt) holt ihn wieder raus, nicht ohne ihm noch eine Morallektion auf den Weg mitzugeben.

Spurwechsel gehört zu einer Reihe jüngerer konservativer US-Filme, die zwar eine gewisse Sensibilität für soziale Ungleichgewichte haben, aber darauf nur plumpe Antworten bereithalten: In Pay It Forward ersetzte eine Kettenbriefidee die Sozialversicherung, in John Q wurden die Ambulanzgebühren mit Waffengewalt und Tränen des Mitgefühls beglichen. Auch Spurwechsel zeigt zwischendurch - etwa in überfüllten Gerichtssälen - einen Staat, dessen Institutionen den Anforderungen kaum gewachsen sind.

Aber die plakativ parallel montierten Oppositionen weiß auch dieser Film bloß aufzulösen, indem er an innere Werte appelliert: Damit der schwarze Mann sein Familienhaus bekommt, muss der weiße Mann in ein Gotteshaus gehen und wieder lernen, zu vergeben. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.11.2002)

Von
Dominik Kamalzadeh

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uip.de/spurwechsel


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