Der alte Sultan und der Swing

30. Oktober 2002, 16:37
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Mark Knopfler hört sich auf "Ragpicker's Dream" an, als hätte er keine Lust, in einem Magazin voller Promis vorzukommen

"Langsamkeit ist eine Tugend, aber ich bin vielleicht zu langsam", sagt Mark Knopfler. Sein neues Album hört sich immer noch an, als würde er keine Lust haben, in einem Magazin voller Promis vorzukommen.


Wenn Mark Knopfler träumt, dann träumt er möglicherweise nicht nur von Gitarren-Licks, die im Kopf stecken bleiben wie eine Harpune im Hai, er träumt vielleicht auch von Themen, Thesen und Texten, die in den großen Auseinandersetzungen der Geschichte entstanden und mitkämpften und in Paraphrase - eine Methode, die einem Musiker zur zweiten Natur wird - immer wieder auftauchen. "Ich bin ein Lesender", sagt er, "ich habe immer ein Buch in Arbeit."

Wenn Knopfler liest, setzt er sich auch mit der katastrophalen Lage der Weltwirtschaft auseinander. Er weiß als Marktabhängiger, dass die Ohnmacht der Manager und die Gleichgültigkeit der politischen Klasse die Menschen an den Rand der Langeweile gedrängt haben. Zu viel Freizeit mit zu wenig Geld für immer mehr: Wenn die konsumierenden Massen nicht bald wieder kaufen, sparen sie ihre Zukunft tot und vertrödeln die letzten Aktienkurse. Auf zu den Musikgeschäften und Online-Shops!

Rockweltstars wie er, die in der größtmöglichen Öffentlichkeit eine eigene Nische bewohnen, interessieren sich normalerweise nicht für die Kommentare englischer Denker und Schriftsteller zum 11. September 2001 oder die Achse des Bösen. Knopfler war schon in seiner schnellsten Zeit Ende der 70er ein Erwachsener unter den Rockstars. "Die Welt ist verrückt nach Berühmtheiten, vielleicht hat mich mein fortgeschrittenes Alter davor bewahrt, Sachen zu zerbrechen", sagt er.

"Sultans Of Swing" machten ihn und die Dire Straits mit einem Riff berühmt, er hat darüber nicht den Kopf verloren, wenn er als Gitarrist angesprochen wird, schüttelt er milde lächelnd den Kopf. "Nein, bin ich nicht, aber wenn das Songschreiben dazukommt, das Arrangieren, dann finde ich das passender - und interessanter." Welche Elogen sind nicht über Knopflers einzigartigen Ton auf der Strat (Fender, Schecter) geschrieben worden, der doch in einer klar erkennbaren Tradition steht, deren hervorragende Vertreter unter anderen der Ire Rory Gallagher ("Tattoed Lady"), der stille Amerikaner J. J. Cale ("Call Me The Breeze", das ist der, dessen Ideen Eric Clapton immer so gerne gehabt hätte), und der schrille alte Macho Roy Buchanan ("Wayfaring Pilgrim") sind.

Für einen Menschen, der so gefühlig schreibt und spielt wie Knopfler, schildert er sich erstaunlich kopflastig. "In in einer liberalen Familie groß geworden", sagt er, "mit acht, neun Jahren habe ich begonnen, Zeitung zu lesen, so eine große, richtige Zeitung." Er breitet die Arme aus und zwischen ihnen hätte ein Badetuch Platz. "Bei uns zuhause lag immer der Guardian", sagt er. "Ich fand die Berichterstattung und Analyse darin zu Nine-Eleven wunderbar." Alle nennenswerten englischen Autoren haben im linksliberalen Guardian den Terrorangriff kommentiert, die dortige Intelligentsia kennt die kleinhäuslerische Angst nicht, Amerika seine Solidarität auszudrücken und gleichzeitig das imperiale Gehabe der einzigen Supermacht zu kritisieren.

Knopfler will sein neues Album "Ragpicker's Dream" als eine introvertierte, besser aufgenommene Neuauflage des Vorgängers "Sailing To Philadelphia", von dem er 3,5 Millionen Stück verkaufte, verstanden wissen. Die unaufdringlich groovende Musik über zunehmend akustische Riffs mit den kennzeichnenden Einwürfen aus einer voll aufgedrehten, aber kaum verzerrten oder verfremdeten Les Paul zu den Gedanken eines reflektierenden, älteren Herren über das Elend der Farmer, über den Platz, auf dem sein vor kurzem verstorbenes Idol Chet Atkins wohl jetzt fingerpickt und die nie ganz versiegende Sehnsucht des Kindes nach Wünschen.

Keine Selbstverständlichkeit in einer Zeit der Konsumängstlichkeit in einem sich parzellierenden Musik-Supermarkt. Knopflers langsame, altmodische, in einem anti-ideologischen Sinn wertkonservative Musik - man nehme nur den Groove der ersten Nummer, "Why Aye Man", und man ist sofort wieder im Land der Dire Straits - kreist bedächtig ("alles, was ich will, ist einen annehmbaren Song fertig zu kriegen, ich bin auf den magischen Moment angewiesen") um die trivialen und ewigen Themen wie die Frage, wo gute Schuhe herkommen, wo die Liebe hingekommen ist und wer das ist, der einem da jeden Tag in der Früh gegenüber sitzt.

Derzeit liest Knopfler Jonathan Franzens "The Corrections", als er in Wien über seine Platte plaudert, wartet das Buch in einer kleinen Ledertasche neben seiner Hüfte. Franzen beschreibt den tragikomischen Niedergang einer Familie mit einem an Parkinson erkrankten Vater, einer nach fast 50 Jahren Ehe zu Fun wild entschlossenen Mutter, und Kindern, die klinisch depressiv, Versager oder Torschlusspaniker und Selbstwegwerfer sind. Eine typische Lektüre für den mittelalten Gitarrenheroen am Eingang des 21. Jahrhunderts eben, der lieber probt und in der eigenen Küche mit der Frau quatscht, als den ewig jungen Spring-auf-die-Bühne zu mimen. "Ich glaube, ich bin überhaupt nichts Spezielles, was in mir Resonanzen erzeugt, klingt in vielen Menschen nach", sagt er, "ich habe mich nur geweigert, eines Tages nicht mehr drauf zu hören."

Bis heute weiss er nicht, ob er ein "richtig erwachsener Mann" ist, vielleicht nicht so total unerwachsen wie Ozzy Osbourne, "aber es ist wichtig, in manchen Teilen reif zu werden und in anderen unreif zu bleiben."

Nach den Dire Straits, die mit "Brothers In Arms" in das CD-Zeitalter marschierten und reich wurden, hat Knopfler eine Reihe von Soloprojekten unternommen, er hat für Bob Dylan gespielt und produziert ("Slow Train Coming", "Infidels"), er hat einige Filme mit Musik unterlegt, darunter finden sich so schöne Sachen wie "Local Hero" (mit Knopflers vielleicht bestem Wurf, "Going Home") oder "Wag The Dog", der Film über einen Beschiss, der sich US-Präsidentenwahl nennt.

"Das ist ein zukunftsträchtiges Format. Aber ich bin musiktheoretisch zu schwach, um das wirklich zu machen", sagt er. Er verspricht, die Theorie nachzulernen. "Aber ich bin faul und schlampig", wendet er ein und erweckt nicht den Eindruck, als würde ihn das arg stören. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.10./1.11.2002)

Von Johann Skocek
  • Mark KnopflerRagpicker's Dream Mercury 063 293-2
    foto: mercury

    Mark Knopfler
    Ragpicker's Dream
    Mercury 063 293-2

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