"Herzlich willkommen"

26. August 2003, 19:14
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Schüssel ging im TV-Duell mit Haupt ungeniert auf Stimmenfang im blauen Lager - Als unsichtbarer Dritter dominierte Jörg Haider

Wien - "In aller Klarheit" sprach Sozialminister Herbert Haupt exakt elfmal zu Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, mit derselben Floskel antwortete dieser sechsmal: Doch so klar, wie die Protagonisten der TV-Debatte von Dienstagnacht ihre Standpunkte darzulegen vorgaben, waren diese in den zentralen Fragen nicht.

So dauerte die Klarheit, mit der die FPÖ einen EU-Eintritt Tschechiens blockieren will, sollten die Benes-Dekrete nicht aufgehoben werden, gerade so lange, wie Schüssel benötigte, um Haupt die Folgen solchen Beharrens für die Neuauflage einer schwarz-blauen Koalition klar zu machen: "Damit nehmen Sie sich aus dem Spiel", so Schüssel "in aller Klarheit".

Als sei er vor der eigenen Courage erschrocken, vernebelte Haupt prompt wieder, was er zunächst klargestellt habe: Natürlich sei auch die FPÖ für die Erweiterung, aber sie müsse "für Österreich, sozial und gesundheitspolitisch verträglich sein". Unklar blieb, was damit gemeint ist. Schüssel war es recht, er lobte Haupt ein wenig ("das klingt ja schon viel besser") und schloss im Übrigen nichts aus - auch eine Koalition mit der FPÖ nicht.

Nur mit den "Knittelfelder Rebellen" will Schüssel nichts mehr zu tun haben. Sie und nicht er hätten schließlich das Ende der Koalition herbeigeführt, betonte Schüssel immer wieder. Jörg Haider selbst habe achtmal mit dem Ende der Koalition gedroht, die gescheitert sei, weil FP-Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer die Koalitionsvereinbarung in der eigenen Partei nicht mehr durchsetzen konnte.

Haupt versuchte, Haiders Linie zu verteidigen und wurde prompt von Schüssel als dessen Handlanger hingestellt, wobei der charmante Ton den Untergriff nicht weniger schmerzhaft wirken ließ: Er kenne Haupt ja "als warmherzigen Minister", so Schüssel treuherzig, und es entsetze ihn, wenn er Haupt jetzt so reden höre. Dieser hatte soeben Haiders Aufforderung an Riess-Passer, Karl-Heinz Grasser und Peter Westenthaler, die FPÖ zu verlassen, aufgegriffen und, wenn auch verblümter, bekräftigt. Wer jetzt nicht mit der FPÖ ziehe, müsse sich eben überlegen, ob er in der richtigen Partei sei, sagte Haupt.

Auf Stimmenfang

Im gleichen Maß, in dem sich Schüssel um die Stimmen der enttäuschten FP-Wähler bemühte - denen er mit "höchstem Respekt herzlich willkommen" sage - suchte Haupt, diese bei der Stange zu halten, indem er sich selbst als Mann "mit Handschlagqualität" präsentierte. Die wollte ihm Schüssel gar nicht absprechen, nur solle sich Haupt nicht auf Zurufe reagieren, wenn er "ein starker Parteiobmann" sein wolle.

Haupt erinnerte Schüssel ausdrücklich daran, dass er ohne Haider nicht Bundeskanzler geworden wäre und dass ihn Schüssel bei der Auflösung der Regierung nicht kontaktiert habe. So war der unsichtbare Dritte aus dem Bärental, argumentativ schon weg, auch gleich wieder da: Schüssel argumentierte, dass ja Haider nicht mehr mit ihm an einen Tisch wolle und nahm die Aufkündigung der politischen Freundschaft demonstrativ locker: "Okay, kann ich nur sagen, feel free."

So nachdrücklich sich Haupt unter Schüssels lächelndem Wohlwollen mühte, die Regierungsfähigkeit der FPÖ darzustellen - was ihm am ehesten mit dem Verweis auf die Budgetsanierung seines Kollegen Grasser gelang - so unvermittelt zog er sie auch wieder in Zweifel. Etwa mit der kuriosen Verteidigung der jüngsten Reise Haiders in den Irak, die im verwegenen Vergleich des Hussein-Regimes mit China gipfelte. Wie ihm Schüssel in dieser Frage Kontra gab, atmete bereits ein wenig den Geist absichtlicher Verschonung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.11.2002)

  • Handschlagqualität zum Abschied von Schwarz-Blau?
    foto: standard/cremer

    Handschlagqualität zum Abschied von Schwarz-Blau?

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