Van der Bellen im STANDARD-Interview: "Nicht mit dieser ÖVP"

26. August 2003, 19:14
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Grünen-Chef trotz "historischer Reminiszenzen" gegen Schwarz-Grün - Kritik an Gusenbauers Oppositionsansage

Es gebe zwar "historische Reminiszenzen" an bessere Tage von Grünen und ÖVP, der Kurs von Kanzler Wolfgang Schüssel schließe aber eine schwarz-grüne Koalition aus, meint Grünen-Chef Alexander Van der Bellen im Gespräch mit Samo Kobenter.



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STANDARD: Die Grünen vermitteln den Eindruck, als ob sie zwischen Rot und Schwarz zerrieben würden. Van der Bellen: Draußen im Wahlkampf spürt man nichts, da ist der Zulauf enorm. Verglichen mit 1999 sind wir viel interessanter und spannender: Erstens durch die Frage Oppositionspartei oder künftige Regierungspartei, dann durch die Frage, ob wir die FPÖ überholen. Und ich glaube, dass sich Gusenbauer noch schwer tun wird mit der Oppositionsansage, wenn er Platz zwei macht.

STANDARD: In diesem Fall wäre Ihr Koalitionspartner die ÖVP ... Van der Bellen: Langsam. Ich finde Gusenbauers Ansage strategisch nicht durchdacht, weil das setzt voraus, dass die SPÖ selbst damit rechnet, ihren Vorsprung von rund 300.000 Stimmen zu verlieren. Das ist ja absurd. Zweiter Punkt: Ich habe Gusenbauer daran erinnert, dass er ja schon den ersten Platz hat - und die SPÖ ist in Opposition. Das Primärziel muss also sein, die schwarz-blaue Koalition zu brechen. Alles andere ist derzeit völlig sekundär.

STANDARD: Aber es kann sein, dass die Grünen Dritter werden und die ÖVP den ersten Platz holt. Trotzdem schließen Sie eine Koalition mit der ÖVP aus. Ist das etwa geschickter als Gusenbauers Ansage? Van der Bellen: Die ÖVP-Gräuelpropaganda gegen Rot-Grün ist eine Attacke auf Grün, nicht auf Rot. Da wird ein Unwahrheitspegel so überschritten, dass ich mich nur wundern kann. Der VP-Stil: Schauen wir, wo wir sie unter der Gürtellinie erwischen.

STANDARD: Aber was machen Sie, wenn sich als einzige Mehrheit Schwarz-Grün ausgeht? Van der Bellen: Die ÖVP führt einen FPÖ-Vereinnahmungswahlkampf und unterscheidet sich kaum von früheren Positionen der FPÖ. Dazu drei Indizien: Innenminister Strasser mit seiner Asylpolitik, der Orden für den Postfaschisten Fini, die Subventionierung dieses FP- Blattls Zur Zeit auf Antrag von Bundeskanzler Schüssel.

STANDARD: Also keine Koalition? Van der Bellen: Die jetzige VP-Führung legt alles darauf aus, an uns Wähler abzugeben und dafür solche von der FPÖ zu kassieren. Mit diesem Schüssel-Kurs kann ich nichts anfangen.

STANDARD: Und mit einem anderen? Van der Bellen: Es gab natürlich Berührungspunkte, sowohl in der Integrations- als auch in der Umweltpolitik. Da gibt es historische Reminiszenzen, die aber derzeit völlig überlagert werden von diesem Schüssel-Khol-Kurs.

STANDARD: Welche Konsequenzen hätte es für Sie, wenn die Grünen unter zehn Prozent blieben? Van der Bellen: Wir werden diese Wahlen gewinnen, und wenn wir zusätzlich die FPÖ überholen, hätten wir einen guten Beitrag zum Ende von Schwarz-Blau geleistet. Über etwas anderes zerbreche ich mir nicht den Kopf. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.11.2002)

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    Grünen-Chef Alexander Van der Bellen

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