"Halbe Treppe": Die Wahrheiten hinter 08/15

27. Juli 2004, 12:20
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"Halbe Treppe", improvisiert von einem Kollektiv unter der Leitung des Regisseurs Andreas Dresen, entwickelt bittersüße Lebensläufe und Beziehungskrisen

Wien - Seitensprung: eigentlich das abgedroschenste Thema aller Seifenopern. Aber ist Seitensprung deshalb kein Thema mehr?

In Andreas Dresens Halbe Treppe - bzw. richtiger: In diesem Film, den ein zwölfköpfiges Kollektiv in Frankfurt/ Oder improvisiert hat - da ist es permanent ein wenig so, als wäre es den Protagonisten peinlich, dass sie sich plötzlich in 08/15-Momenten, in einem üblen Drehbuch, wie es angeblich neben dem Fernsehen nur das Leben schreiben kann, wiederfinden. Wieso fühlen sich diese Momente jedoch nicht nach 08/15 an? Warum kommt nicht irgendwann die Abblende und der obligate flotte Sendefolgen-Nachspann, sondern pulsiert der Schmerz heftig weiter? Und ist das lächerlich, wenn man eine lächerliche Figur abgibt?

Im deutschsprachigen Kino sind solche Fragen alles andere als selbstverständlich. Halbe Treppe, dessen Dreharbeiten gerade einmal 600.000 Euro gekostet haben, ist zuallererst eine Abhandlung über verlorene Würde. Da wäre einerseits jene Sorgfalt, die man sich selbst und den anderen im Alltag vor lauter Gewohnheit nicht mehr zukommen lässt. Und da wäre weiters eben jene Routine etwa der TV-Serienautoren, die so etwas nur noch verjuxen, weil für sie proletarische oder kleinbürgerliche Milieus bestenfalls Ambiente für Kabarett und Sozialsatire darstellen: Ein Würstelstandbesitzer mit Mundgeruch, dessen Frau plötzlich mit einem befreundeten Radio-DJ fremdgeht - erzählen Sie so etwas einmal einem TV-Redakteur oder einer Filmförderung! Das ist doch kein "großer Stoff".

Für Andreas Dresen und die anderen Macher von Halbe Treppe ist es aber auch kein Sozialsketch und kein modernes Bauerntheater, sondern eher Jazz. Vor der Imbissbude "Halbe Treppe" steht also anfänglich in nasskalter Lustlosigkeit ein Straßenmusikant, und das, was der spielt, nervt auch. Aber er "vermehrt" sich - und irgendwann steht die Band 17 Hippies auf den Stufen, zunehmend klingt das wie Kampftrinkerklänge aus einem Film von Emir Kusturica, und so, während vielstimmig harmonische Bögen aufreißen, haben auch Dresen & Co. längst zu einem Erzählen gefunden, das selbst die eigentlich fürchterlichsten Alltagssituationen neu erschließt.

Resopal-Küchentisch

Zum Beispiel: "Sprechen wir uns aus. Legen wir die Karten auf den Tisch. Suchen wir eine harmonische Lösung!" Die hervorragenden Schauspieler Steffi Kühnert, Thorsten Merten, Axel Prahl und Gabriela Maria Schmeide sitzen am Resopal-Küchentisch (Ausstattung: Susanne Hopf und Frank-Castorf-Mitarbeiter Bert Neumann) und hoffen darauf, dass eine höhere Gewalt ihnen Argumente liefert, die die unsägliche Situation beenden kann.

Der Gehörnte sagt: Gut, reden wir darüber. Aber der, der ihm die Hörner aufgesetzt hat, weigert sich, das, was er soeben "große Liebe" nennt, zu verraten. Dafür achtet ihn wiederum seine Geliebte, die Frau seines vormals besten Freundes - und seine eigene Frau, die bleibt übrig. Und wenn daran etwas zu belachen ist, dann sind es nicht die üblichen Comedy-Pointen, sondern es sind die ganz normalen Diskrepanzen zwischen Sein und Haben. Gute Frage: Können Einbauküchen Partnerschaften retten?

Das Team von Halbe Treppe zumindest meint: Das können sie nicht. Und menschliche Würde könnte man so definieren, dass Menschen sich nicht vormachen, dass sie auf Dauer tatsächlich nur eine Zielgruppe - Repräsentanten von Küchenwerbungen und Seifenopern - sind. Das tut anfangs ziemlich weh, gerade wenn man auf halber Treppe des Lebens angelangt ist und nicht unbedingt viele Bonuspunkte gesammelt hat.

Dann steht man alleine da wie der Musikant, der aber trotzig weitermacht, bis - wie gesagt - 17 Hippies einen derartigen Höllenlärm veranstalten, dass man sagt: Okay, ihr seid tatsächlich nicht mehr zu überhören. Kommt doch einmal herein! Lasst sehen, was ihr zu bieten habt!

Im Fall von Halbe Treppe ist das der unsentimentalste Versuch in deutschem Gefühlskino seit langer Zeit. Ein kleiner Film - aber für hoffentlich ganz viel Publikum. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.11.2002)

Von Claus Philipp

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  • Artikelbild
    foto: berlinale
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