Bulgarien: Vom zweiten Aufstieg zum Untergang

20. Oktober 2003, 12:35
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Im Befreiungskampf 1185 gegen Byzanz entstand das Zweite Bulgarische Reich; seine wechselvolle Geschichte endete 1396 mit der Eroberung durch die Türken.

Das Bogomilentum - benannt nach einem Mönch Bogomil - das mit dem Verfall des Ersten Bulgarischen Reichs Verbreitung gefunden hatte, entwickelte sich unter der byzantinischen Herrschaft zu einer breite Volksschichten erfassenden Sekte. Es ging auf ältere, in Kleinasien entstandene dualistische Lehren zurück, die das Dasein als ständigen Kampf zwischen Gut und Böse interpretierten. Die Bogomilen sahen in der materiellen Welt, einschließlich des menschlichen Körpers, die Welt des Teufels, ihr entgegengesetzt waren die himmlische Welt und die Seele des Menschen. In den bogomilischen Gemeinden gab es drei Kategorien von Anhängern: die "Vollkommenen", die als Gemeindevorsteher ein asketisches Leben zu führen und auf alle materiellen Güter zu verzichten hatten, die "Gläubigen" und die "Hörer", die durch spezielle Weihen in den jeweils höheren Rang aufsteigen konnten.

Dass das Bogomilentum in Bulgarien so starke Verbreitung finden konnte, erklärte sich aus den gesellschaftlichen Schlussfolgerungen, die aus den religiösen Lehren gezogen wurden. Die Bogomilen lehnten nämlich die weltliche Obrigkeit, die entgegen der von ihnen verlangten Gewaltlosigkeit ständig in Kriege und Fehden verwickelt war, und insbesondere die hohe Geistlichkeit, der Reichtum und Ausbeutung der Bauern vorgeworfen wurde, ab. In einer gegen das Bogomilentum gerichteten Schrift des bulgarischen Gelehrten Kosmas heißt es: "Sie schmähen die Reichen, lehren ihre Anhänger, sich ihren Herren nicht zu fügen, hassen den Zaren, beschimpfen ihre Ältesten: Sie glauben, dass diejenigen, die dem Zaren dienen, vor Gott verhasst sind, und befehlen jedem Sklaven, nicht für seinen Herrn zu arbeiten." Deshalb wurde das Bogomilentum von der Obrigkeit verfolgt, auch von den Byzantinern, unter denen es bei den Bulgaren neben den sozialen auch patriotische Züge bekam. Doch das hinderte die Sekte nicht an ihrer weiteren Ausbreitung: Sie erfasste zunächst Bosnien und wurde dann im Westen, bei den Patarenern in Italien und den Katharern und Albigensern in Frankreich, zu einer Massenbewegung, die schließlich in Südfrankreich durch einen blutigen Kreuzzug vernichtet wurde. Die Bulgaren nahmen die byzantinische Herrschaft nicht widerstandslos hin. Schon 1040 brach in Makedonien ein Aufstand unter der Führung Deljans, eines Enkels des Zaren Samuil, aus. Nach anfänglichen Erfolgen brach die Rebellion ebenso zusammen wie 1072 die des makedonischen Bojaren Georg Vojtech. Aufstände in Donaubulgarien wurden schon im Keim erstickt. Zu der Fremdherrschaft kamen die Leiden, die die Bulgaren durch die Einfälle der Petschenegen und die Übergriffe der durchziehenden Kreuzzugsheere zu erdulden hatten.

Erst der Schwächezustand des Byzantinischen Reiches, das sich gegen die türkischen Seldschuken im Osten, die über das Meer vordringenden Normannen und die Ungarn wehren musste, erlaubte die erfolgreiche Erhebung, die 1185 von Tirnovo im Nordosten Bulgariens ihren Ausgang nahm. An ihrer Spitze standen die Bojaren Assen und Peter. Nach wechselvollen Kämpfen, in denen Assen aus dem Turk-Reitervolk der Kumanen ein Söldnerheer aufbaute, musste ihnen Kaiser Isaak II. Angelos die Herrschaft über Donaubulgarien zugestehen. Einige Jahre danach eroberte Assen I. auch Sofia, der jüngste der Brüder, Kalojan, nahm den Griechen die Schwarzmeerküste und Teile Thrakiens und Makedoniens ab. Nachdem 1204 durch den schmählichen Vierten Kreuzzug auf Betreiben Venedigs nicht das Heilige Land, sondern Konstantinopel erobert und das Lateinische Kaiserreich gegründet worden war, sah sich Bulgarien den "Franken" als einem neuen Feind gegenüber. Bei Adrianopel wurde der erste "lateinische" Kaiser, Balduin von Flandern, vernichtend geschlagen, und das Bulgarische Reich wuchs zu neuer Größe empor. Es reichte vom Schwarzen Meer bis zur Adria und zur Ägäis. Eine Inschrift Zar Ivan Assens II. in der Vierzig-Märtyrer-Kirche in der Königsstadt Tirnovo verkündet stolz: "Nur die Städte um Konstantinopel und diese Stadt selbst beherrschten die Franken. Aber auch diese unterwarfen sich unter die Hand meines Zarentums . . ." Als die Byzantiner von Nikaia aus 1261 die "Lateiner" vertrieben, waren die Bulgaren ihre Bundesgenossen. Die von ihnen auf Betreiben von Papst Innozenz III. 1204 geschlossene Union mit der Römischen Kirche - wofür Zar Kalojan der Königstitel verliehen worden war - hatte damit ihr Ende, die Bulgaren blieben orthodox. Die Unterdrückung der Bauern durch den Adel und die Schwächung der Zarenmacht durch eifersüchtige Bojaren hatten 1277 einen großen Bauernaufstand zur Folge. Dessen Anführer Ivailo, ein Schweinehirt, besiegte das Heer des Zaren Konstantin Assen und setzte sich mit der Heirat von dessen Witwe die Krone Bulgariens aufs Haupt. Bald sah er sich in einen Zweifrontenkrieg verwickelt: Von Norden fielen die Tataren ins Land, vnm Süden rückte Kaiser Michael VIII. Paläologos vor, um unter dem Vorwand, wieder rechtmäßige Verhältnisse schaffen zu wollen, Bulgarien zu unterwerfen. Die Bojaren wollten weder einen Strohmann Konstantinopels - Ivan Assen III. - noch den "Emporkömmling"; sie wählten einen Heerführer kumanischer Abstammung, Georg I. Terter, zum Herrscher. Das Bauernheer Ivailos, der sein strategisches Talent gegen die Byzantiner bewiesen hatte, wurde geschlagen, der Bauernzar flüchtete zu den Tataren und wurde dort ermordet.

Die inneren Unruhen und die Machtkämpfe der Territorialherren schwächten die königliche Zentralgewalt zusehends. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts war Bulgarien zeitweilig ein tatarischer Vasallenstaat, Chan Nogai setzte 1298 sogar seinen Sohn Caka auf den bulgarischen Thron. Theodor Svetoslav aus der Linie Terter rebellierte gegen ihn und ließ ihn erwürgen. Noch einmal erlebte das Land eine Zeit des Friedens. Dann erwuchs Bulgarien im aufstrebenden Serbischen Reich ein gefährlicher Gegner, Makedonien ging an die Serben verloren. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts war Bulgarien in mehrere Teilfürstentümer zerfallen, in denen selbstherrliche Despoten regierten; in Prilep in Makedonien riss nach dem Tod des Serbenkaisers Stephan Duschan ein König Marko die Macht an sich, und in Tirnovo beanspruchte Ivan Schischman nominell, weiterhin Zar von Bulgarien zu sein.

Den Balkanvölkern nahte in den Osmanen eine tödliche Gefahr, doch die immer bedrohlicher werdenden türkischen Angriffe hatten weder ein dauerndes Zusammenrücken von Serben, Bulgaren und Griechen noch ein Ende der inneren Fehden zur Folge. So konnten die Türken auf europäischem Boden Fuß fassen:

Schon 1356 besetzten sie die Festung Gallipoli am Eingang der Dardanellen, wenige Jahre später verloren die Byzantiner Adrianopel (Edirne), und 1364 stießen die Heere des Sultans auf bulgarisches Gebiet vor und eroberten Stara Zagora und Philippopel (Plovdiv). Dann wandte sich Sultan Murad I. nach Nordwesten: Sofia fiel 1382 nach langen Kämpfen, Bitolj wurde vorerst noch vergeblich belagert. 1389 wurden die Serben auf dem Amselfeld (Kosovo) trotz Murads Schlachtentod vernichtend geschlagen. Murads Sohn Bajazet I. wandte sich nun gegen das Reich von Tirnovo. Drei Monate lang wehrten sich die Bulgaren gegen die Einnahme ihrer Königsstadt, doch am 17. Juli 1393 fiel Tirnovo in die Hände der Türken. Zar Iwan Schischman konnte zunächst nach Nikopol an der Donau entkommen, fiel dann aber dem Feind in die Hände und wurde hingerichtet.

Noch erhofften sich die Bulgaren vom Feldzug des Ungarnkönigs Sigismund - des späteren Kaisers (aus dem Hause Luxemburg) - gegen den Sultan Befreiung, und in der Tat wurden die Türken zunächst vertrieben. Aber dann verlor Sigismund 1396 bei Nikopol die Entscheidungsschlacht. Von da an mussten die Bulgaren - fast 500 Jahre lang - unter dem türkischen Joch leben. (DER STANDARD, Print, 02./03.11.2002)

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