"Red Dragon": Ein Monster wird zur Marke

23. Juli 2004, 16:13
9 Postings

Anthony Hopkins als kannibalischer Psychiater Hannibal Lecter in "Red Dragon": immer wieder ein Vergnügen

Anthony Hopkins als kannibalischer Psychiater Hannibal Lecter: immer wieder ein Vergnügen. Andererseits: Früher war von "Vergnügen" in diesem Zusammenhang noch kaum die Rede. Anmerkungen zum jüngsten Lecter-Film "Red Dragon".


Wien - Wenn sich bei einem philharmonischen Konzert ein Querflötist ein paar Mal verspielt: Vorsicht! Vielleicht sitzt in der zehnten Reihe ein Sponsor und überlegt, ob man den Herrn Musikanten zu Pastete verarbeiten sollte. Mit einem Hauch Ironie (Tongue-in-cheek? Haha!) beginnt Red Dragon (Roter Drache), der mittlerweile dritte Film, in dem Anthony Hopkins den kannibalischen Psychiater und Gourmet Hannibal Lecter spielt. Ein gutes Beispiel, wie die Popindustrie Konflikte in Markenzeichen verwandelt.

Es ist schon wieder über zehn Jahre her, dass Jodie Foster in Das Schweigen der Lämmer in einem Kellerverlies auf eine Plexiglasscheibe zusteuerte, hinter der ein kleiner Mann mit streng zurückgekämmtem Haar und eisigem Blick Hoffnung und Nemesis zugleich war: Jonathan Demmes Thriller war ein elegantes Vexierspiel in herbstlichen Landschaften, wo fallende Blätter nahenden Schrecken abdämpften. Dagegen: Fast viktorianische Innenräume, in denen Geschichte spürbar und zeitgenössische Serienkiller nahezu melodramatische Unholde wie einst Jack the Ripper oder das Phantom der Oper waren.

Seither ist über Hopkins' noble Modulation von "Ich lade mir jemanden zum Essen ein" auch viel gescherzt worden, aber auf sehr respektvolle Weise. Romanautor Thomas Harris, Lecters Erfinder, rang sich in mehrjährigem Kampf durch kulturhistorische Referenzen das Epos Hannibal ab, von dem jeder ein Leinwand-Comeback des Traumpaars Foster/Hopkins erwartete. Aber Foster und Demme war Hannibal in seinem tatsächlich radikalen Bekenntnis zur Romantik zu abwegig - und seither ist zumindest Anthony Hopkins im Kino ein gut bezahlter Solo-Bösewicht ohne verlässliches Gegenüber, wie einst Bela Lugosi als Dracula.

Hilfreiche Verstörung

Das heißt, alle Filme mit Lecter sind zuerst Lecter-Filme. Sie müssen soundso viele Minuten Hannibal bieten, sonst wird dem Kult nicht Rechnung getragen - und an dieser Vorgabe arbeitet sich jetzt nach Ridley Scotts heillos ästhetisierter Hannibal-Verfilmung auch Red Dragon ab: Er basiert auf Harris' erstem Lecter-Roman, in dem der große Kannibale nur eine Randfigur war - ein gewaltiger Schemen gleichwohl, der einen Polizisten permanent mit eigenen Untiefen konfrontierte, ihm also gerade durch Verstörung behilflich war.

Der US-Regisseur Michael Mann (Heat) hat das unter dem Titel Manhunter wenige Jahre vor dem Schweigen der Lämmer schon einmal verfilmt und sich damals in wunderbar frostigem Licht vor allem auf den Cop konzentriert, der so gern Familienmensch wäre, als Einzelgänger aber letztlich gerade seine Familie gefährdet. Und wenn jetzt der junge Regisseur Brett Ratner einen Neuversuch unternahm, dann hätte er das vermutlich nur toppen können, indem er sich auf den eigentlichen Kontrahenten des Polizisten konzentriert: einen sensiblen, zutiefst verstörten und von einem defekten Äußeren verunsicherten Serienkiller, der sich in den einzigen Menschen verliebt, der ihn "retten" könnte: eine blinde, selbstsichere junge Frau.

Ralph Fiennes, einst Der englische Patient, und Emily Watson (Breaking the Waves) spielen in Red Dragon dieses grausam sehnsüchtige, irrende Paar, das durchaus Horrorgeschichte hätte schreiben können. Aber weil in der Ensemble-Liste im Vorspann eben Hopkins/Lecter an erster Stelle steht und weil Harris' Vorlage mehrere Geschichten gleichzeitig erzählt, die ein Hollywood-Thriller in 120 Mi- nuten nicht unter einen Hut bekommt, bleibt die Romanze nur Episode.

Stattdessen höfliche Referenzen an Das Schweigen der Lämmer: Ohne zumindest eine Szene mit Hopkins hinter einer Art Beißkorb geht leider gar nichts. Natürlich muss er Speis und Trank verkosten und Parfums einschätzen. Edward Norton, der diesmal als Polizist in jeder Szene verstörend anders blondierte und geföhnte Haare hat - ihm bleibt wenig mehr, als Getriebenheit und Schwindelgefühle zu behaupten.

Es ist schon erstaunlich: Einst war Lecter eine kulinarische Bestie, von der uns jede Bewegung überraschte und erschreckte. Jetzt ist er in seiner Zelle gerade eine Bastion der verlässlichen Bonmots. Aber wie heißt es seit jeher: Pop will eat itself - bis in ein paar Jahren ein neuer Star Hannibal Lecter neu erfindet. (DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.11.2002)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Anthony Hopkins als Hannibal Lector: Ein kleiner Mann mit streng zurückgekämmtem Haar und eisigem Blick ist Hoffnung und Nemesis zugleich.

Share if you care.