Erste FP-Rufe nach Haider

31. Oktober 2002, 22:25
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NÖ und Wiener Blaue wünschen Comeback des Kärntner Landeschefs - Gusenbauer schickt Genesungswünsche - Grüne: FPÖ "unberechenbar" - Schüssel zeigt Verständnis

St. Pölten - Der Rücktritt von Mathias Reichhold aus gesundheitlichen Gründen lässt bei den NÖ Freiheitlichen den Ruf nach Jörg Haider laut werden. Der Kärntner Landeshauptmann und frühere FP-Chef wäre der, "der in der schwierigen Situation das Ruder noch ein Mal herumreißen könnte", sagte Landesparteisekretär Franz Marchat auf Anfrage der APA. "Ich würde mir wünschen, dass Jörg Haider an die Spitze der Partei zurückkehrt. Er soll im Wahlkampf eine große Rolle spielen." Ernest Windholz würde einen neuerlichen Obmann Haider ebenfalls begrüßen. Haider sei schließlich für ihn der Grund gewesen, "in die Politik einzusteigen".

Auch der Wiener stellvertretende FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache wünscht sich nach dem Rücktritt von Bundesobmann Matthias Reichhold eine Rückkehr des Kärntner Landeshauptmanns Jörg Haider an die Parteispitze. Er akzeptiere aber Haiders Entscheidung, vorerst in der Bundespolitik nicht tätig werden zu wollen, so Strache am Donnerstag auf APA-Anfrage. Reichholds Nachfolger Herbert Haupt bezeichnete er als "exzellenten Spitzenkandidaten".

Nach dem "sehr überraschen Rücktritt" Reichholds müsse alles daran gesetzt werden, um diese Situation so schnell wie möglich zu bewältigen. Mit der Übertragung der Agenden an Haupt sei dabei eine sehr klare Entscheidung getroffen worden. Nach der Wahl am 24. November werde sich die Partei aber mit Sicherheit zusammensetzen und die Zukunft besprechen müssen.

Eine Rückkehr Haiders sei dabei auf jeden Fall eine Option: "Ich persönlich freue mich immer, wenn der Landeshauptmann die Entscheidung treffen sollte, in der Bundespolitik tätig sein zu wollen", meinte Strache. "Wenn er sich vorher bereit erklären würde, ist das sicherlich etwas, das zu begrüßen wäre."

Rückkehr Haiders nach Absturz der FPÖ für Prinzhorn möglich

Der stellvertretende FPÖ-Chef und Zweite Nationalratspräsident Thomas Prinzhorn meinte zu einer Unterstützung Haiders im laufenden Wahlkampf, dieser sei "der alte Jörg, auf ihn kann man zählen". Zu einem Parteichef Haider meinte Prinzhorn: sollte die FPÖ bei der Nationalratswahl am 24. November "abstürzen", wäre es eine logische Konsequenz, wenn Haider die Partei wieder übernähme.

Kärntner FP "persönlich tief getroffen"

Die Entscheidung von Mathias Reichhold zum Rücktritt habe ihn "persönlich tief getroffen", erklärte der Kärntner FP-Obmann Martin Strutz. Die Entscheidung Reichholds, Herbert Haupt mit Parteiführung und Spitzenkandidatur zu betrauen, bezeichnete Strutz als die richtige Wahl.

"Ich bedaure die Entwicklung zutiefst, aber Reichholds persönliche Entwicklung hat jetzt oberste Priorität", sagte Strutz am Donnerstag und fügte Wünsche zu Reichholds baldiger Genesung hinzu. Die Causa sollte aber, so Strutz, jedem Politiker Anlass sein, über seine Gesundheit und seinen politischen Einsatz zu reflektieren, denn die Belastungen seien kaum erträglich.

Für die FPÖ bedeute der Rückzug Reichholds keinen akuten Handlungsbedarf, sagte Strutz. Es gebe keine Notwendigkeit, die Wahlkampfstrategie zu ändern: "Wir haben eine Linie und ein Programm und Herbert Haupt wird diese Inhalte im Wahlkampf vertreten."

FPÖ-Klubobmann Karl Schweitzer widerum schloss Donnerstag Abend in der "ZiB 2" einen FPÖ-Bundesobmann Jörg Haider dezidiert aus. Haider werde aber im Rahmen der Wahlbewegung in Kärnten zur Verfügung stehen.

Gesundheit

SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer nahm Donnerstag Nachmittag zur Situation in der FPÖ nicht Stellung. In einer Aussendung bedauerte der SPÖ-Vorsitzende lediglich den schlechen Gesundheitszustand von Infrastrukturminister Mathias Reichhold (F). Er wünsche Reichhold nun "baldige und vor allem nachhaltige Genesung", so Gusenbauer.

Van der Bellen sieht FPÖ "völlig unberechenbar"

Für Grünen-Chef Alexander Van der Bellen bleibt die FPÖ "völlig unberechenbar". Nach dem Rücktritt von FPÖ-Obmann und Spitzenkandidat Mathias Reichhold erwarte er sich von dessen Nachfolger Herbert Haupt "inhaltlich keine Änderung der FPÖ-Politik", so Van der Bellen. Haupt ist aus seiner Sicht nur ein "Übergangskandidat".

Einen "Hauptvorwurf" richtet der Grünen-Chef an Bundeskanzler und ÖVP-Chef Wolfgang Schüssel. Es sei unverständlich, dass sich Schüssel weiter auf eine "völlig unberechenbare und offenbar zerfallende" FPÖ als Koalitionspartner festlege.

Van der Bellen bedauerte die Umstände des Rücktritts von Reichhold und wünschte ihm alles Gute für die Genesung.

Schüssel zeigt Verständnis

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V) zeigt Verständnis für den Rücktritt von Mathias Reichhold als FPÖ-Chef und freiheitlicher Spitzenkandidat für die Nationalratswahl. Vor Beginn des VP-Vorstands Donnerstag Nachmittag verwies er auf Interviews der vergangenen Tage, die gezeigt hätten, dass wichtige Teile der Partei beim Kurs Reichholds nicht mitzögen. Deshalb gebe es von seiner Seite "volle Sympathie und volles Mitgefühl" für den Infrastrukturminister.

Schüssel betonte, bereits mit Reichhold telefoniert zu haben. Dabei habe er ihm im Namen der gesamten ÖVP beste Gesundheitswünsche übermittelt. An der Wahlkampflinie der ÖVP werde die Situation jedenfalls weiterhin nichts ändern. Man werde sich unverändert in erster Linie auf die eigenen Themen konzentrieren, sagte Schüssel.

(APA)

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