Das "vergessene" Dorf in Graz

30. Oktober 2002, 21:14
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"Kunst mischt sich ein" und bietet Wohnungen für Obdachlose

Graz - Als prachtvoll oder auch stilvoll präsentiert sich Graz, die europäische Kulturhauptstadt 2003, gerne. Max, ein Mann in den besten Jahren, hat Graz anders erlebt: Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin hat er drei Jahre in den Parks der Landeshauptstadt gelebt. "Im Winter war das mit dem Schlafen ein bissl eine Problematik . . . , aber erfroren sind wir zum Glück nicht", erinnert sich Max.

Glücklich zeigt er das neue Zuhause des Paares, ein Zimmer mit Fußbodenheizung in einer neuwertigen Wohneinheit der Grazer Obdachlosensiedlung Ressidorf. Im Dorf leben die beiden schon seit 1999, seit einem Monat in neuen Zimmern und einem großzügigen, gemeinschaftlichen Sanitärbereich.

Der Künstler Erwin Posarnig und seine Gruppe "Kunst abseits vom Netz" (KAVN) sehen Kunst nicht als abgehobenen Bereich des Lebens - im Gegenteil: Unter dem Vorsatz "Kunst mischt sich ein" tun sie seit 1996 genau das. So gehört etwa das "vergessene Dorf", in dem Max und seine Freundin leben, zu einem realen und virtuellen Netz. Dieses spannte "Kunst abseits vom Netz" über Österreich hinaus etwa bis St. Petersburg und Sarajewo zu dortigen sozialen Randgruppen.

U-Bahn-Stationen

Bei den sozialen Einrichtungen, Ämtern oder Kulturbetrieben, wo die Gruppe ihre als U-Bahn-Stationen-Schilder getarnten Tafeln aufstellt, wird deutlich gemacht: Hier passiert soziale Intervention durch Kunst. Virtuell ist dabei - wie die U-Bahn-lose Stadt Graz beweist - nur das Verkehrsnetz, real aber die effektive Verbesserung der Lebensbedingungen von Randgruppen und deren Einbindung in die kollektive Wahrnehmung.

Bei der "U-Bahn-Station Ressidorf", wo 20 Menschen leben und von fünf Betreuern versorgt werden, eröffnete Posarnig am Mittwoch in Kooperation mit "Graz 2003" ein Kommunikationszentrum und präsentierte das Konzept der "Entcontainerisierung" von Graz. Bis Ende 2003 sollen die letzten alten Blechcontainer durch permanente, menschenwürdige Wohnräume ausgetauscht werden.

Auch am Grazer Sozialamt gibt es nun eine U-Bahn-Station ohne Zug. Der Warteraum wurde "als Wertschätzung gegenüber den wartenden Menschen" neu gestaltet. (Colette M. Schmidt,DER STANDARD Printausgabe 31.10/1.11 2002)

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