Billigbestatter erobern Berlin

30. Oktober 2002, 21:16
posten

Branchenriese kontert mit Imagekampagne und Sonderaktionen

Seit vor einem Jahr der erste "Bestattungsdiscount" in Berlin eröffnet hat, tobt ein Preiskampf der Beerdigungsunternehmen in der deutschen Hauptstadt. Die Firma Aeterna wirbt mit dem Slogan "Um die Hälfte billiger als die Konkurrenz". Der Branchenriese Ahorn-Grieneisen zog mit einer Unterlassungsklage vor Gericht und mokiert sich öffentlich über die Pietätslosigkeit des Konkurrenten.

Denn der Bestattungsdiscounter stellt seine Produkte im Schaufenster seines 200 Quadratmeter großen Geschäfts in der Frankfurter Allee 30 aus: Da steht der Designersarg neben den preiswerteren Modellen in Kiefer. Auf Handzetteln wirbt das Bestattungsunternehmen außerdem mit einer "Beisetzung zum Nulltarif".

Gemeint ist damit das Angebot, dass mit dem Sterbegeld, das die gesetzliche Krankenversicherung bezahlt, die Kosten für die Beerdigung in Höhe von 1050 Euro abgedeckt sind. Bei Grieneisen ist die billigste Urnenbestattung für 1750 Euro zu haben. Die Preisspanne reicht bis zu 10.000 Euro, wobei Urnenbestattungen erheblich billiger sind.

"Konkurrenz belebt das Geschäft", meint Hartmut Woite, der in Berlin den "Sarg-Discount" eröffnet hat. Seiner Ansicht nach machten die Kunden immer gründlichere Preisvergleiche.

Wertewandel

Diese Einschätzung teilt auch Kerstin Gernich, Geschäftsfüherin des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur. Sie findet das Auftreten der Billigbestatter nicht ehrenrührig. "Das entspricht dem Trend." Das zunehmend preisbewusste Verhalten der Verbraucher spiegle auch den Wertewandel in der Gesellschaft wieder.

Der Branchenriese Grieneisen, der 160 Filialen bundesweit hat und rund 20.000 Bestattungen vornimmt, versucht nun mit einer Imagekampagne für "Qualitätsbestattung" zu werben. Die Protagonisten einer jüngst angelaufenen Werbekampagne sind Heidi, Jana, Siegfried und Wilhelm.

So wirbt Heidi, Jahrgang 1923, mit dem Satz: "Wenn ich einmal nicht mehr bin, sollen Sonnenblumen auf meinem Grab stehen." Die Anzeigen wurden bundesweit in Zeitungen und Stadtmagazine geschaltet, seit kurzem sind auch Plakate in U-Bahnen und an Straßenbahnstationen zu sehen.

Ungewöhnlichen Aktionen

Die Firma buhlt aber auch mit ungewöhnlichen Aktionen um die Aufmerksamkeit der Lebenden. So gab es jüngst eine bizarre Lesung im Berliner Stammhaus. Die Gäste durften den Fahrstuhl benutzen, mit dem normalerweise Tote und Särge transportiert werden. Dann saßen sie bei Kerzenschein vor aufgeklappten Särgen im Sarglager und ein HIV-positiver Kulturwissenschaftler las aus seinem Buch übers Sterben vor.

Da es in Deutschland alljährlich rund 840.000 Begräbnisse gibt, ist die Bestattung ein blühender Wirtschaftszweig. Um die Spreu vom Weizen zu trennen, gibt es ein Qualitätssiegel des Kuratoriums für Bestattungskultur, das rund 80 Prozent der 3000 Unternehmen der Branche vorweisen können. Da es in Deutschland den Friedhofszwang gibt, ist das Geschäft bis auf weiteres gesichert.

Grazer Zentralfriedhof

Aber auch auch Repräsentanten aus der Welt der Kultur fanden am Grazer Zentralfriedhof ihre letzte Ruhestätte: Beispielsweise der Wiener Volksschauspieler Carl Rudolf (gest. 1987). "Er liegt in unmittelbarere Nachbarschaft zu Formel-1-Weltmeister Jochen Rindt bestattet, einen Platz, den er sich zu Lebzeiten gewünscht und bewusst ausgesucht hat", so die Grazer Kunsthistorikerin Karin Derler im Gespräch mit der APA. "Carl hoffte, dass durch seinen populären Grabnachbarn zahlreiche Besucher auch zu ihm käm en", so die beim österreichischen Bundesdenkmalamt mit der Unterschutzstellung von Denkmälern betraute Kunsthistorikerin.

Eine gebrochene Bremswelle verursachte im September 1970 den Unfall, der dem Rennfahrer Rindt das Leben kostete. Nach wie vor türmen sich zu Allerheiligen die Kerzen der bis heute treuen Fans an seinem Grab. Dass mit Fritz Pregl (gest. 1930) allerdings auch ein Nobelpreisträger -nämlich jener für Chemie des Jahres 1923 - am Grazer Zentralfriedhof bestattet wurde, blieb den meisten Grazern bis heute verborgen. Nicht zu übersehen ist hingegen das Hakenkreuz am Grab eines im Jahr 1934 gestorbenen SS-Sturmba nnführers, der - wie die Grabinschrift verrät - "fiel im Kampf für Großdeutschland".

Während sich der zweite Teil des Buches den Biografien zahlreicher Bestatteter widmet (samt weiterführender Literaturangaben bis hin zu Nachrufen) enthält der erste Teil des rund 200 Seiten starken Buches Grundsätzliches zur Konzeption und Bau des Friedhofes sowie zahlreiche Beispiele zur künstlerischen Gestaltung der Grabdenkmale. (APA, Alexandra Föderl-Schmid aus Berlin, DER STANDARD Printausgabe 31.10/1.11 2002)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.