Analyse: Flaute und kein Ende

30. Oktober 2002, 19:10
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Knapp neun Prozent mehr Arbeitslose, Österreich beim Zuwachs EU-Spitze - Eine Zusammenschau von Michael Bachner

Wien - Ungewöhnlich früh, nämlich schon vor Monatsende, wurden am Mittwoch die Arbeitslosendaten für den Oktober veröffentlicht. Die gute Nachricht, wenn man so will: Die zweistelligen Zuwachsraten der vergangenen Monate haben sich auf einen Anstieg um 8,8 Prozent auf 213.514 Arbeitslose eingebremst. Die schlechte Nachricht: Solange sich die wirtschaftliche Situation nicht bessert - und damit rechnen Wirtschaftsforscher frühestens im Frühjahr bis Sommer 2003 - ist auch auf dem Arbeitsmarkt keinerlei Entspannung zu erwarten.

"Talsohle erreicht"

Für Wirtschafts- und Arbeitsminister Martin Bartenstein ist angesichts der Oktober-Daten die "Talsohle erreicht". Er sieht bereits eine Erholung auf dem Arbeitsmarkt. Dafür spricht aus seiner (Wahlkampf-)Sicht auch ein Zuwachs an offenen Stellen beim Arbeitsmarktservice (AMS). Außerdem liege die Oktoberarbeitslosigkeit unter den Oktoberwerten der Jahre 1996, 1997 und 1998, womit sich Bartenstein einmal mehr von Zeiten der großen Koalition abzugrenzen versucht, in denen er selber Umwelt- und Familienminister war.

AK-Präsident Herbert Tumpel kontert: "Die Talsohle ist keineswegs erreicht, der Problemberg wächst." Auch Wirtschaftsforscher Bernhard Felderer (IHS) fürchtet jetzt bis zu 320.000 Arbeitslose im Winter, nach knapp unter 300.000 im Vorjahr.

Was stimmt jetzt also? Wer sich ein genaues Bild über die Arbeitsmarktlage machen will, muss auch das Kleingedruckte in der Statistik lesen.

Weniger aktiv Beschäftigte

Bartenstein, der gerne von Rekordbeschäftigung trotz hoher Arbeitslosigkeit spricht, verschweigt geflissentlich, dass de facto nur durch den starken Anstieg an Karenz- bzw. Kindergeldbezieherinnen um 22.000 die Beschäftigung gestiegen ist. Die Zahl der "aktiv" Beschäftigten sinkt in Wirklichkeit.

Nicht dazu gesagt wird auch gerne, dass im Oktober rund 42.350 Personen (plus 6000 gegenüber Oktober 2001) in Schulungen beim AMS waren und daher nicht in der Statistik aufscheinen, obwohl sie auf Jobsuche sind.

Genauso unerwähnt bleibt, dass es schon im Herbst 2001 einen enormen Anstieg an Arbeitslosigkeit gab, der Zuwachs heuer daher geringer ausfallen musste. Dazu Wifo- Experte Ewald Walterskirchen: "Das ist evident und unstrittig. Österreich liegt beim Zuwachs an Arbeitslosen im Spitzenfeld der EU."

Raus aus der Statistik

Schon vor den letzten Wahlen wurde noch unter SP- Kanzler Viktor Klima eine groß angelegte Job-Coaching- Aktion aus dem Boden gestampft, um Arbeitslose rein in Schulungen und raus aus der Statistik zu bringen. Die nunmehr scheidende Regierung macht es nicht anders.

Groß war dem Vernehmen nach der Druck auf das AMS, noch rasch Kursmaßnahmen zu erfinden, die die Statistik fristgerecht für den 24. November verschönern. Geld ist dafür eigentlich keines da, doch wen kümmert das noch. Die Arbeitslosenversicherung wurde von Finanzminster Karl-Heinz Grasser um Milliarden erleichtert, die ins Pensionssystem gepumpt wurden. Das triste AMS-Budgetjahr 2003 muss schon die nächste Regierung verantworten - hinter uns die Sintflut. (Michael Bachner/DER STANDARD Print-Ausgabe, 31.10.2002)

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