Die "Neufassung" der "Uraufführung"

30. Oktober 2002, 18:54
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Begriffsverwirrungen beim "steirischen herbst"

Graz - Elfriede Jelinek, Josef Winkler, Kathrin Röggla: Mit der Beschränkung auf Ur- und Erstaufführungen von Texten österreichischer Autorinnen und Autoren gibt sich das Schauspielprogramm des "steirischen herbstes" auf den ersten Blick so patriotisch wie avantgardistisch. Zumal alle vom "herbst" gebetenen Autoren Dramatik im herkömmlichen Sinn verweigern.

Ihre mit einer neuen theatralen Ästhetik experimentierenden Texte verlangen nach Regisseuren, die der eigenwilligen sprachlichen Form mit einer adäquaten szenischen Übersetzung begegnen. Im Fall Elfriede Jelineks zeigte der Schweizer Ruedi Häusermann, wie Regie kongenial auf einen Text reagieren kann.

Im Schatten der geglückten Jelinek-Erstaufführung jedoch irritiert ein etwas merkwürdiger Umgang des "herbstes" mit den anderen Autoren, die ihm ihr Werk anvertrauten: Bereits im vergangenen Jahr hatte man Tintentod. Eine szenische Befragung von Josef Winkler vollmundig als Uraufführung eines "Auftragswerks" herausgebracht. Tatsächlich handelte es sich bei dem so genannten "Auftragswerk" um Prosa-Miniaturen, die beim "herbst" als Lesung präsentiert werden sollten. Die Lesung wuchs zur szenischen Lesung, schließlich also zur "Uraufführung eines Auftragswerks".

So weit, so akzeptabel, wenngleich Josef Winkler ein Text als dramatischer untergeschoben wurde, der nie als solcher konzipiert war. Die Inszenierung von Tina Lanik jedoch, die den Autor als Landneurotiker karikierte, ihn als eitlen, einfältigen Narren dem Gelächter des Publikums preisgab und seine bildstarken, grausamen, witzigen, im eigentlichen Sinn existentiellen Texte gleichfalls der Lächerlichkeit zieh, indem sie ihr Pathos ironisierte, zählte schon im vergangenen Jahr zu den künstlerischen Tiefpunkten des Festivals.
Verunglückte Uraufführungen sind die Kehrseite jeder Risikobereitschaft und also Theateralltag. Weshalb man aber ausgerechnet diese missglückte Inszenierung nun erneut in den Spielplan aufnahm, gehört zu den Rätseln der "herbst"-Dramaturgie. Freilich: Dramaturg Wolfgang Reiter argumentiert im Programmheft mit einer "Neufassung der Uraufführung", da doch von Winklers Text mehrere Fassungen existierten, ein "Druck" "noch lange nicht in Sicht" sei und es sich folglich "auch bei der szenischen Umsetzung" um ein "work in progress" handle.


Aus alt mach neu

Das von Reiter gerühmte "Fragmentarische", "Sich-Weiter-Entwickelnde" an Winklers Text ist nur leider für die "Neufassung" der Inszenierung höchst gleichgültig, da diese der "Uraufführung" allenfalls einige Sätze hinzufügte, im Wesentlichen aber die alte Version schlicht einkürzte und sich ansonsten szenisch unverändert an der Bloßstellung des Autors delektierte, für dessen Textproduktion man sich offenkundig nicht weiter interessiert hatte.

Sonst hätte man vielleicht gewusst, dass der Druck von Josef Winklers Text durchaus "in Sicht" ist. Die Endfassung der Prosatexte liegt bereits bei Suhrkamp und wird dort, als Teil einer Fest-Edition der edition suhrkamp, in einem halben Jahr erscheinen, voraussichtlich unter dem Titel Leichnam - seine Familie belauernd.

Dass schließlich aber Tina Lanik auch die Uraufführungsinszenierung von Kathrin Rögglas fake reports zugesprochen bekam, sie insgesamt also zwei von drei Schau- spielproduktionen des diesjährigen "herbstes" verantwortet, stimmt endgültig ratlos. Auch diese - missglückte - Aufführung macht deutlich: Tina Lanik verfügt über hohes Formbewusstsein, vermag aber nicht, ihre Fantasien aus dem Geist der hochartifiziellen Texte zu entwickeln, die ihr anvertraut wurden.

Fragt sich nur, wie viele verunglückte Uraufführungen der "herbst" noch braucht, bevor dies in Graz irgendjemand bemerkt. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.10./1.11.2002)

Von
Cornelia Niedermeier
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