Man weiß es, man sagt es nicht

31. Oktober 2002, 13:33
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Frankreich: Die liebe Familie in Amt und Würden

Paris - Frankreich ist das Land des "Non-dit", des Ungesagten, oft auch des Tabus. Es gibt Dinge, die geheim sind; andere sind zwar publik, aber man spricht nicht darüber. Oder besser: Man spricht eifrig darüber, aber ausschließlich hinter vorgehaltener Hand. So verhält es sich auch mit dem Phänomen, dass zahlreiche Minister und Ministerinnen der Regierung von Jean-Pierre Raffarin Gattinnen, Kinder oder Lebenspartner in ihre Kabinette geholt haben. Hochoffiziell - und doch mit größtmöglicher Zurückhaltung, denn schließlich hieß das einst Vetternwirtschaft. Heute erhalten Journalisten, die sich erkundigen, die Auskunft, diese neuen Usancen seien nun einmal "Spiegel des modernen Lebens".

Ein modernes Leben, das man eher dem Ancien Régime zuordnen würde: Der delegierte Unterrichtsminister Xavier Darcos stellte seine Frau Laure als Kabinettsberaterin an. Entwicklungsministerin Tokia Saifi verfuhr ebenso mit ihrem Verlobten Amo Ferhati. Der Sohn von Umweltministerin Roselyne Bachelot bringt als Assistent seiner Maman als Rüstzeug gerade mal ein Kunststudium mit. Das ist immer noch mehr als bei der Gattin von Bildungsminister Luc Ferry. Weil die politisch unerfahrene Madame in ihrem geräumigen Ministeriumsbüro allerlei anrichtet, hat Ferrys Kabinettschef bereits demissioniert.

Keine Intervention

Dagegen zu intervenieren ist noch niemandem in den Sinn gekommen. Wer sollte auch? Der Regierungschef? Die Gattin von Premier Raffarin, Anne-Marie, verfügt am Regierungssitz selbst über ein eigenes Sekretariat. Der Staatspräsident? Jacques Chirac beschäftigt seinerseits eine Tochter als Kommunikationsberaterin. Also die politische Opposition?

Sozialisten wie Jack Lang oder Michel Charasse hatten ihre Gattinnen in ihre Ministerkabinette geholt; Expräsident François Mitterrand quartierte seine uneheliche Tochter Mazarine im Elysée-Palast ein und verdingte seinen Sohn Jean-Christophe als Afrikaberater. Bleibt die Presse. Doch die kann solch Sitten offenbar kein öffentliches Interesse abgewinnen. Löbliche Ausnahme bildete vor ein paar Wochen Le Monde, die diskret über die "etwas speziellen Berater" berichtete.

Dass im Gegensatz zu früher "offizielle Gattinnen" und nicht Mätressen einen Job bekämen, verleihe "ihren Direktiven noch mehr Gewicht". Das halbe Dutzend Verwandter ersten Grades in den Kabinetten stellt damit keine Ausnahme mehr dar wie noch Mitte der 90er, als die Beratergattin von Exjustizminister Jacques Toubon den Spitznamen "Vizeministerin" erhielt. Lise Toubon diente wohl auch der Gemahlin von Innenminister Nicolas Sarkozy als Vorbild. Cécilia Sarkozy nimmt dem überlasteten Minister immer mehr Entscheidungen ab, wie das tout Paris weiß. Aber man weiß es nur, man sagt es nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.10.2002)

Von Stefan Brändle
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    Jacques Chiracs Tochter und Kommunikationsberaterin: Claude Chirac

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