Herbert Meyer – eine Legende zu Gast in Österreich

30. Oktober 2002, 16:54
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Als Trainer ist er Legende – und auch noch in der Pension einer der gefragtesten Ausbilder der Welt: Herbert Meyer, der erfolgreichste deutsche Bundestrainer aller Zeiten, hilft neuerdings den österreichischen Rotröcken auf die Sprünge.

Als die neue Springreferentin Gabi Morbitzer ihn fragte, ob er den in der Krise steckenden österreichischen Springreitern ein paar Tips geben könnte, sagte er spontan zu. Mitte Oktober leitete er eine erste Sichtungs mit leichtem Dressurtraining in Linz-Ebelsberg, im Jänner 2003 wird er ein weiteres Mal kommen: Herbert Meyer, 63 Jahre alt und auch noch nach seinem Rücktritt als deutscher Bundestrainer einer der gefragtesten Ausbilder der Welt. Einzigartig ist seine Medaillenausbeute bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften , die ihn zu den erfolgreichsten Bundestrainern aller Sportarten in Deutschland machen. Von 1985 bis Ende 2000 gewannen die deutschen Springreiter unter seiner Ägide bei internationalen Championaten nicht weniger als 15 Medaillen, davon allein zehn Goldmedaillen, zum Abschied noch einmal Mannschafts-Gold bei den Olympischen Spring-Bewerben von Sydney. Wie groß seine Fußstapfen sind, musste Meyers Nachfolger Kurt Gravemeier seit seinem Amtsantritt schmerzhaft erfahren – bei den Weltreiterspielen in Jerez de la Frontera 2002 gingen die deutschen Springreiter leer aus.
Das folgende Portrait von Herbert Meyer stammt aus der Feder des großen Journalisten und Pferdekenners Karl Morgenstern – und ist, obwohl bereits 1996 verfaßt, nach wie vor die beste und treffendste Beschreibung des großen kleinen Mannes aus Lilienthal.

Herbert Meyer – vom Bauernsohn zur Trainer-Legende

Das Bild wiederholt sich überall und prägt sich allen ein, die in der Welt zwischen Oxer und Wassergraben zu Hause sind. In der Aachener Soers und im Göteboger Scandinavium, in der Berliner Deutschlandhalle und auch im kanadischen Spruce Meadows: Die langen Kerle Beerbaum, Sloothaak und von Rönne stapfen mit Riesenschritten durch den Parcours – und mit kleinen, schnellen Schritten versucht ihnen ihr Boß zu folgen. Und wenn sie dann nebeneinander stehen und über Distanzen und die beste Schrittzahl palavern, wird die Szene symptomatisch. Dann hören die Großen – immer ein wenig herabgebeugt – auf den Kleinen. Dann wird Herbert Meyer der Größte, obwohl er vom Scheitel bis zur Sohle nur 1,66 Meter mißt. Wer’s ihm nicht glaubt, dem entgegnet er lachend: „Kannst auch 1,65 Meter schreiben, damit habe ich keine Probleme…“
Der Bremer Bauernsohn gehört heute unbestritten zu den großen Persönlichkeiten unter den Trainern Europas und Amerikas. Er wurde vom unvergessenen Hans-Heinrich Brinckmann geprägt und von Hans Günter Winkler geformt: „Springreiten habe ich bei HGW gelernt, aber meine Laufbahn ist ohne „Micky“ Brinckmann nicht vorstellbar“. Nach dem tragischen Tod Hermann Schriddes wurde Herbert Meyer buchstäblich ins kalte Wasser geworfen; an der Seite Paul Schockemöhles stieg er schließlich zu eigener Größe auf. Ein Wort des früheren deutschen Bundestrainers und stilistischen Perfektionisten, des einstigen Zöglings der Kavallerieschule Hannover und legendenverklärten Parcoursbauers Hans-Heinrich Brinckmann ist seine Maxime geworden: „Ein Reiter darf keine finanziellen Sorgen haben. Er muß frei sein fürs Reiten.“ Noch ein Wort des Menschen- und Pferdekenners „Micky“ Brinckmann ist haften geblieben: „Je mehr wir das Artistische, Sensationelle, Zirzensische pflegen, umso mehr verlieren wir die Bindungen zu den natürlichen Ursprüngen dieses Sports.“ Was Hans-Heinrich Brinckmann einst formulierte, möchte sein Erbe Herbert Meyer heute manchem Turnierveranstalter am liebsten um die Ohren hauen…
Die geistige Verwandtschaft zwischen dem Idol von einst, einem bodenständigen Schleswig-Holsteiner, und dem Praktiker von heute, reicht viel weiter, als die meisten ahnen.

Musikalisch und athletisch

„Micky“ Brinckmann wollte ursprünglich Musik studieren; er blieb sein Leben lang ein Konzertliebhaber. Auch im prächtigen Wohnzimmer des Meyerschen Bauernhauses in Lilienthal bei Bremen steht ein wunderhübsches altes Klavier von Barralt & Robinson aus London, auf dem Herbert Meyer gern und gut spielt. Und wer je bei den Meyers unter dem Baldachin der mächtigen und uralten Eichen eine Feier oder eine Festlichkeit mitmachen durfte, weiß, daß der Boß der deutschen Springreiter auch die Klaviatur der schwarzen und weißen Tasten vorzüglich beherrscht. „Früher haben wir viel Musik gehört, aber in dieser Hinsicht sitzen wir hier falsch, in Bremen ist da nicht viel los. Aber Hamburg ist ja nicht weit“, tröstet sich Ehefrau Grethel.
Am wenigsten dürfte allerdings – jedenfalls in Reiterkreisen – bekannt sein, daß Herbert Meyer in jungen Jahren auch ein vorzüglicher und begeisterter Leichtathlet war. Immerhin war er ’mal Bremer Jugendmeister über
60 Meter in der Halle. Sport war Alltag in der Familie: Bruder Bernd, Jahrgang 1947, gehörte zu den stärksten deutschen Handballspielern. Bernds Zwillingsbruder Hinnerk, ein selbständiger Kaufmann, ist nebenbei Juniorentrainer.

Die reiterlichen Anfänge

Das Reiten lernte Herbert Meyer bei seinem Vater, dem ehemaligen Kavalleristen und Zollbeamten Josef Meyer, ehe er schließlich an die Reitakademie München-Riem ging, wo Prinz Friedrich von Hannover sein Chef und „Micky“ Brinckmann seine wichtigste Bezugsperson wurden. So wie viele tüchtige deutsche Springreiter der 50er und 60er Jahre hat auch er in der traditionsreichen ländlichen Reiterei seine Wurzeln und ist in jungen Jahren auch Vielseitigkeitsprüfungen geritten. „Angefangen habe ich mit zwölf Jahren als Rennreiter; früher gab es ja auf dem Lande kein Turnier ohne irgendein Rennen.“ Anfangs ritt er für den RV Werderland Bremen, heute ist er Mitglied im Reitverein Sankt Jürgen in Lilienthal.
Vor allem aber ist er ein glühender Anhänger Werder-Bremens. So sehr er im vergangenen Jahrzehnt mit den Grün-Weißen von der Weser zufrieden sein durfte, in jüngster Zeit wird wieder viel (mit-)gezittert. Da trösten ihn die Erfolge seiner Schützlinge über manche Werder-Niederlage hinweg. Umgekehrt war’s aber auch oft: Da trösteten ihn manchmal die Bremer Fußballsiege etwas über das Ungemach hinweg, daß die deutschen Rotröcke verloren hatten…
Herbert Meyer hat, in dieser Aussage liegt viel Respekt, buchstäblich von der Pike auf „gedient“. Sein Weg zur heutigen Position war zwar nicht steil und voller Steine, aber lang. Langsam ist er in seine heutige Rolle hineingewachsen. Bundestrainer ist er seit 1985, Juniorentrainer war er ab 1970. Seine prominentesten Lehrlinge – in Lilienthal – sind längst gestandene Mannsbilder und erfolgreiche Reiter. Allen voran Kurt Gravemeier, Tjark Nagel und Lars Nieberg. Auch Rene Tebbel lernte bei Herbert Meyer – wie viele andere. Daß er einmal „an die Spitze der Kompanie“ rücken sollte, war in Warendorf ausgemachte Sache. Aber mit dem Fliegertod Hermann Schriddes kam alles ganz anders und viel schneller. Nach einer kurzen Interimslösung mit Hans Günter Winkler rückte Herbert Meyer endgültig vor.

Der größte Triumph

Und so bleibt bis heute das Bild von Seoul, dem größten Triumph der deutschen Reiter seit 1936 in Berlin, unverrückbar haften: Paul Schockemöhle kommandierte – und alle parierten. Inklusive Reiterpräsident Dieter Graf Landsberg-Velen, der sogar Wassereimer auf Order schleppen mußte, und Bundestrainer Herbert Meyer. Herbert Meyer lacht noch heute: „Genauso war es. Und damit kann ich gut leben. Ich bin doch durch den Tod Hermann Schriddes in diese Rolle erst ’reingewachsen. Paul war der Boß und gab den Ton an, auch wenn er offiziell gar keine Funktion hatte. Paul bestimmte in Seoul auch im Training alles. Und wir haben alle viel von ihm gelernt. Das hat alles sehr gut funktioniert.“ Nur in einem Punkt widerspricht Herbert Meyer energisch gängiger Meinung: „Die Idee, Ludger Beerbaum auf Dirk Hafemeisters Zweitpferd The Freak zu setzen, weil Landlord verletzt war, hatte ich und kein anderer. Aber“, und wieder lacht Herbert Meyer vergnügt, „das hätte ich damals nie hingekriegt. So stark war ich damals noch nicht. Das hat Paule gegen alle Widerstände durchgesetzt. Gegen die Ängstlichen wie Graf Landsberg-Velen, und auch gegenüber dem internationalen Verband, weil er – wieder mal – das Reglement besser als alle anderen kannte.” Herbert Meyer erinnert sich dieser Sternstunde der deutschen Reiterei gern – und auch eines starken Auftritts Ludger Beerbaums, als alle durcheinanderredeten: „Wenn Beckenbauer hier Chef wäre, wäre das längst entschieden.“ Chef war aber nicht Beckenbauer, sondern Paul Schockemöhle – und der setzte sich durch.
Vor allem aber betont der deutsche Bundestrainer, der den Briten Ronnie Massarella sein großes Vorbild nennt („Ronnie ist ein Pferdekenner par excellence und ein prachtvoller Mensch“) und den Niederländer Hans Horn für einen „ganz starken Mann, einen der besten Trainer der Welt“ hält, heute mit Nachdruck: „Die Zusammenarbeit mit Paul Schockemöhle hat in Seoul sehr gut und vor allem erfolgreich funktioniert. Paul Schokkemöhle hat mir nie das Gefühl gegeben, fünftes Rad am Wagen zu sein. Ich war nie sein Laufbursche, wie so oft gesagt und geschrieben wurde. Das war alles Blödsinn. Die Zusammenarbeit war fair und fruchtbar.“ Paul Schockemöhle bilanziert es
heute so: „Herbert Meyer hat 1988 in Seoul sehr viel gelernt. Das kommt ihm jetzt zugute. Herbert Meyer ist in den letzten Jahren unheimlich gewachsen. Es gibt keinen besseren Bundestrainer als ihn.“

Der Rücktritt vom Rücktritt

16 Pferde stehen heute in den Stallungen in Lilienthal. Herbert Meyer strahlt: „Alles meine.“ Lachend, aber trotzdem energisch widerspricht die bessere Hälfte: „Zwei gehören mir.“ Herbert Meyer lenkt ein: „Alles unsere Pferde.“ Der Ehefriede zwischen den beiden Reitersleuten ist wieder hergestellt. Er hält schon viele gute Jahre. Herbert Meyer, der seine Pappenheimer im roten Rock sehr gut kennt, lächelt: „Ich bin immer noch mit der ersten Frau verheiratet.“ Es gibt – im langen Aufwärtstrab seines Lebens – nur eine Erinnerung, die schmerzt: „Bitter war es 1968 für mich, daß Deichgraf, ein wundervoller zwölfjähriger Hannoveraner, an Krebs einging. Deichgraf war mein bestes Pferd. Mit ihm wäre ich 1968 in Mexiko-Stadt bei Olympia dabeigewesen.“ Die Wunde schmerzt noch heute: Herbert Meyer hat nie als Reiter an Olympischen Spielen teilgenommen. Wie übrigens auch sein großes Vorbild Hans-Heinrich Brinckmann, der größte deutsche Stilist der späten 30er Jahre. Micky Brinckmann war sicherer Olympiakandidat für 1940. Olympia 1940 fand nie statt. Herbert Meyers großer Trost: „Seine Jungs“ holten 1988 in Seoul olympisches und 1994 in Den Haag Weltmeisterschafts-Gold. Vor allem dieser letzte war sein ganz persönlicher Triumph. Da war Herbert Meyer endgültig aus dem mächtigen Schatten Hans-Heinrich Brinckmanns, der mit Fritz Thiedemann, Hans Günter Winkler, Fritz Ligges, Sönke Sönksen, Gerd Wiltfang und Hermann Schridde unvergleichliche Siege feiern durfte, und des Top-Managers Paul Schockemöhle herausgetreten. Seinen Rücktritt vom angekündigten Rücktritt hat Herbert Meyer, geboren am 14. Februar 1939, längst vollzogen: „Die nächsten vier Jahre werde ich es wohl noch machen.“ Es war nicht schwer, ihn davon zu überzeugen, über Atlanta hinaus im Amt zu bleiben: Die Obrigkeit der deutschen Reiterei in Warendorf hat auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger bislang niemand Ebenbürtigen ausmachen können.
Karl Morgenstern/Pferderevue

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    Herbert Meyer, der erfolgreichste deutsche Bundestrainer aller Zeiten, hilft in seiner Pension den österreichischen Rotröcken wieder auf die Sprünge.

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