Düstere Kleinode

30. Oktober 2002, 16:44
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Norwegens Madrugada pflegen auf "Grit" einen zeitgenössischen Blues-Bastard und nähern sich damit den Großen dieses Genres

Die norwegische Band Madrugada widmet sich auch auf ihrem dritten Album "Grit" der Pflege eines zeitgenössischen Blues-Bastards und stellt sich damit in eine Reihe mit den Großen dieses Genres.


Als sich aus dem Punk New Wave schälte und sehr bald leidenschaftslos zur vertonten Frisurenschau verkam, wandte sich eine durch diese haltlos gewordene Gegenwart aber eben von Punk geprägte Jugend der Vergangenheit zu und entdeckte dort - wenig überraschend - die Urform primitiver musikalischer Überzeugungskraft: den Blues. Da man jetzt aber nicht alle diesbezüglich eigentlich überflüssigen Bandmitglieder einfach so dem Arbeitsmarktservice anempfehlen wollte und die schlichte Nachstellung bereits existierender Modelle ohnehin einen schlechten Beigeschmack besaß, versuchten einige Bands das gute Alte mit den guten Neuen zu verbinden: Bingo! Zu früher Meisterschaft in dieser Kunst gelangten Bands wie The Gun Club, The Gibson Brothers oder Nick Caves zweite Band The Birthday Party.

Aus gepflegten Virtuositätsdefiziten entstanden rohe Bastarde, die, im Fall der Birthday Party, "deep in the woods" den amerikanischen Süden mit all seinen Mythen besangen. Im Gun Club wiederum brannte das "Fire of Love", das sich seinen Weg in die selbe Richtung bahnte. Vorbei an bigotten Predigern und unter Einfluss von selbstgebranntem Schnaps und noch weit Verbotenerem, begab sich der Schützenverein um den damaligen Blondie-Fan-Club-Vorsitzenden(!) Jeffrey Lee Pierce auf Suche nach dem Mann, mit dem alles seinen Anfang genommen hat: dem Blues-Genie Robert Johnson. Im Laufe der Zeit kam es zu stilistischen Verfeinerungen und inhaltlichen Vertiefungen. Bands wie Crime And The City Solution versetzten ihre Blues-Version nicht zu gering mit Laienbühnen-Pathos und mit Formationen wie den britischen Gallon Drunk schritt bald schon die zweite Generation in diesem Fach zu Werke.

Madrugada, ein Vierer aus dem hohen Norwegen, kann man als eine der zeitgemäßen Entwicklungsformen dieser Musik betrachten. Blues und Punk finden sich hier zwar am ehesten als Haltung und Stimmung, denn als formales Rezept wieder. Niederschlag finden diese Elemente heute in einem Hang zu schattseitiger Romantik, wie man sie auch von den Tindersticks oder Chris Isaak kennt. Im Gegensatz zu diesen, eher auf Schmoll-Lippe - Betonung auf Moll! - gestimmten Künstlern, herrscht auf Madrugadas eben erschienen dritten Album Grit jedoch eine aggressive Grundstimmung vor, die Sänger Sivert Hoyem mit präzisen, ausgespien wirkenden Lyrics unzweideutig veranschaulicht. Getriebene Rhythmen werden von eine Slide-Gitarre nach oben hin gerahmt, während ziemlich tief gestappelte Bassläufe die Erdung besorgen. Nach zu hören etwa in dem selbstbetitelten Stück Madrugada,was so viel wie "blaue Stunde" bedeutet. Die stellenweise gepresst klingenden Gitarren kennt man von PJ Harvey, deren Mitstreiter Head für die Produktion von Grit verantwortlich zeichnet. Deutlich tritt dessen Handschrift in dem Stück Come Back Billy Pilgrim zutage. Einem Song, der dem Protagonisten aus Kurt Vonnegut Jr.'s Roman Slaughterhouse Five zugedacht ist.

Hoyems dunkler Gesang überzeugt auch in balladesk gehaltenen Stücken wie dem finalen Got You, in dem seine Stimme jene paranoiden Stimmungen evoziert, die David Lynch mit Blue Velvet filmisch kongenial umgesetzt hat: Düstere Kleinode mit ungewissem Ausgang. Wer da nicht den Blues bekommt? Womit sich der Kreis wieder einmal schließt. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.10./1.11.2002)

Von Karl Fluch
  • MadrugadaGrit (Vertrieb: Virgin)
Madrugada spielen live am 19. 11. in der Szene Wien
    foto: virgin

    Madrugada
    Grit
    (Vertrieb: Virgin)

    Madrugada spielen live am 19. 11. in der Szene Wien

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