Hibiskus vom Muschelgrab

3. Oktober 2005, 16:12
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Der englische Friedhof Málagas, einst als letzte Ruhestätte für britische Handelsattachés eingerichtet, dient auch als Gärtnerei

Pedro macht wie jeden Morgen seine Runde mit dem Gartenschlauch, zuerst die Rosmarinstöcke vor dem steinernen Engel, der mit niedergeschlagenen Augen auf das große umzäunte Grab blickt, während er mit dem Zeigefinger der Rechten senkrecht gegen den Himmel zeigt, als wollte er der verstorbenen Annie, deren Familienname im Laufe eines Jahrhunderts zur Unkenntlichkeit verwittert ist, den Weg weisen.

Dann kommen die Geranien und die Rosensträucher neben dem Ehrengrab des Arztes Joseph Noble, Namenspatron eines Krankenhauses für die Seeleute und Fischer von Málaga, dran. Gemächlich geht der alte Mann, begleitet vom zeitweiligen Augenzwinkern seines schwarzen Hundes, der faul im Schatten einer Palme döst, seiner Beschäftigung nach. Die Sonne brennt wie jeden Tag auf die unzähligen Töpfe mit Zierblumen und Gartenkräutern aller Art, die über den ganzen Friedhof verstreut herumstehen.

El Cementerio Inglés, der englische Friedhof, Málagas letzte Ruhestätte für protestantische Handelsattachés, britische Rentnerinnen und ertrunkene Seeleute verschiedener Nationalitäten, fungiert gleichzeitig als Gärtnerei. Pedro, Gärtner, Friedhofswärter und Pförtner in Personalunion, stört sich jedoch nicht an der Gesellschaft der Toten: "Das hier ist der ruhigste Platz, den man sich vorstellen kann, um Hibiskus und Begonien zu ziehen, und Lebende treffe ich ohnehin genug am Abend nach der Arbeit im Café Central."

Mitten in der quirligen Hafenstadt, dem pulsierenden Zentrum der Costa del Sol, bildet der verwachsene Friedhof eine Enklave der Ruhe. Ab und zu weht eine frische Brise vom nahen Strand den salzigen Geruch des Meeres und einen Fetzen des Verkehrslärms auf dem Paseo de Reding über die Mauer. Die weißen großen Muscheln, die zuhauf von den Wellen an den weitläufigen Stadtstrand gespült werden, finden sich als schlichte Verzierung auf vielen der alten Gräber wieder. Kakteen und Palmengewächse breiten sich auf den letzten Ruhestätten derjenigen aus, die hier einst aus unterschiedlichen Beweggründen eine neue Heimat fanden. Anfang des 19. Jahrhunderts, nach dem Fall des sevillianischen Handelsmonopols auf die Kolonien in Südamerika, erblühte Málaga und wirkte wie ein Magnet auf viele Menschen.

Der gleichnamige Wein erlebte einen enormen Popularitätsschub, überflügelte sogar die Konkurrenz aus Jerez und fand seinen Weg bis an den Tisch der russischen Zaren. Vor allem in England erfreute sich der süße Málaga großer Beliebtheit, was zur Folge hatte, dass eine nicht unbeachtliche Anzahl Engländer in der kosmopolitischen Hafenstadt Geschäfte tätigte. Die Verstorbenen der britischen Gemeinde durften als Nichtkatholiken, wie es in ganz Spanien damals üblich war, nur in der Nacht und außerhalb des Friedhofs bestattet werden.

In Málaga wurden die in aufrechter Position notdürftig am Strand verscharrten Körper häufig von herumstreunenden Hunden ausgegraben oder von der Brandung verschlungen und später wieder angeschwemmt. William Mark, der zum britischer Konsul in die Hafenstadt berufen wurde, war entsetzt angesichts dieser Missstände und beantragte beim Gouverneur einen geeigneten Ort, wo seine verstorbenen Landsleute in Frieden ihre letzte Ruhe finden konnten.

Der Antrag fand Gehör, und ein beträchtliches, damals noch etwas außerhalb der Stadt gelegenes Grundstück wurde 1829 zum Cementerio Inglés, dem ersten nicht-katholischen Friedhof Spaniens seit dem Untergang des Emirats Granada im 13. Jahrhundert. Mark, durch und durch Brite und mit der angelsächsischen Liebe zur Gartenbaukunst gesegnet, begrenzte einen kleinen Teil des Grundes als Friedhof und machte sich sofort daran, auf dem übrigen, terrassenförmig zum Meer hin abfallenden Gelände einen englischen Garten anzulegen.

Während im Cementerio interior die ersten Toten in einfachen Muschelgräbern beigesetzt wurden, besorgte der begeisterte Hobbygärtner exotische Bäume, ließ Geranien aus Gibraltar und Johannisbeersträucher aus Griechenland herbeischaffen.

"No sin, no sorrow, no complaints our pleasures here destroy: We live with god and all his saints and endless is our joy", steht auf dem Grabstein über den winzigen Muschelgräbern der Zwillinge Julia und William Simpson, die hier 1859 und 1860 beigesetzt wurden, ohne das erste Lebensjahr erreicht zu haben. Viele Grabsteine haben lange Inschriften, manche geben genaue Auskunft über das Schicksal des Verstorbenen, hinter den fetten Blättern einer Kakteenpflanze ist "In Loving Remembrance of John Homer, drowned off La Caleta, december 22nd 1891, aged 57 years" zu lesen.

Manche Gräber blieben auch namenlos, wie dasjenige Robert Boyds, der 1831 zusammen mit José Torrijos und 50 weiteren Männern nach einem gescheiterten Aufstand gegen den absolutistischen Monarchen Fernando VII hingerichtet wurde und im ältesten Teil des Cementerio interior begraben liegt. Etwas weiter unten, inmitten des Parks, wurde später ein Denkmal für ihn errichtet. Der innere Friedhof wurde bald zu klein, und die Gräber begannen sich über das von Mark nach allen Regeln der britischen Gartenbaukunst angelegte Gelände zu verbreiten.

In seinem Sohn William Penrose fand Mark einen Nachfolger, der das Werk mit Begeisterung fortführte. Der Schöpfer des Parks selbst verstarb 1849 und ist unter einer klassizistischen, von einem verschleierten Krug gekrönten Säule mit der Aufschrift "vincit omnia veritas" im Zentrum der Anlage begraben.

Irgendwann einmal ist dann einer der Friedhofswärter, der in seinem zweiten Beruf Gärtner war, auf die vielleicht ein wenig pietätlose, aber doch nahe liegende Idee verfallen, von den vielen seltenen Pflanzen Stecklinge und Ableger zu ziehen und zu verkaufen. Die angeblich erste Gärtnerei Málagas erfreute sich alsbald großer Beliebtheit und verursachte einen Zustrom von Besuchern, die hierher kamen, um sich für ihre Gärten und Balkone, für deren schöne Bepflanzung die Stadt berühmt ist, mit exotischen Gewächsen einzudecken.

Heute kaufen die Málagueños ihre Pflanzen wie alle Europäer in irgendeinem Gartencenter am Stadtrand, doch die Gärtnerei ist bestehen geblieben und belegt noch immer den freien Platz zwischen den Gräbern mit ihren Blumenkisten, obwohl nur noch selten jemand den steilen Weg vom Eingangstor hinaufkommt, um bei Pedro eine Palme oder einen Jasminstrauch zu kaufen.

Auch die Verstorbenen der Stadt sind inzwischen in die Peripherie abgewandert, der städtische Friedhof San Gabriel beim Technologiepark ist längst auch für Protestanten offen. Manchmal findet aber auch heute noch das beinahe fröhliche Reich der vielen Töpfe und wuchernden Pflanzen, die ohne Pedros Zutun wohl innerhalb einer einzigen Saison den Friedhof vollständig überwachsen würden, den Vorzug gegenüber den geordneten Gräberreihen San Gabriels. Und wahrscheinlich ist dieser unendlich friedliche und gleichzeitig so diesseitig geschäftige Ort in Wahrheit der schönste Platz für die letzte Ruhestätte. (Evelyn Rois und Bruno Staubenrauch/DER STANDARD, Printausgabe, 1.11.2002)

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