Wahlpflicht und Markierungstinte aus Indien für türkische Wahl

30. Oktober 2002, 12:19
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Rund vier Millionen Erstwähler - Wahlzettel fast einen halben Meter lang

Istanbul - Die Türkei betrachtet sich gerne als Demokratie wie jede andere in Europa - doch ein wenig anders sind die Wahlen im Land zwischen Orient und Okzident doch. So sind die mehr als 41 Millionen Wähler am Sonntag zur Wahl eines neuen Parlamentes nicht nur aufgerufen, sondern sogar gesetzlich verpflichtet. Beim Verstoß gegen die Wahlpflicht droht aber nur eine Strafe von fünf Millionen Lira, was etwa drei Euro entspricht. Viele Politikverdrossene lassen sich dadurch nicht zur Stimmabgabe zwingen.

Auch die türkischen Maßnahmen gegen Wahlbetrug sind für europäische Verhältnisse ungewöhnlich. Um zu verhindern, dass ein Wähler zwei Mal abstimmt, werden alle Wähler noch im Wahllokal am Finger mit nicht abwaschbarer Tinte gekennzeichnet. Insgesamt wurden 150.000 Flaschen mit der Wahl-Tinte aus Indien importiert und im ganzen Land verteilt.

Langer Wahlzettel

Rund vier Millionen der 41,5 Millionen Wahlberechtigten gehen zum ersten Mal an die Urnen. Dort haben sie die Wahl unter 18 Parteien. Deshalb ist der türkische Wahlzettel, auf dem die Parteien mit ihren Symbolen nebeneinander aufgereiht sind, fast einen Meter lang. In der Wahlkabine machen die Türken kein Kreuzchen, sondern drücken einen Stempel auf ein Feld unter dem Symbol ihrer Lieblingspartei.

Gewählt werden 550 Abgeordnete der Großen Nationalversammlung in Ankara. Der Zuschnitt der Wahlkreise gibt den ländlichen Gegenden dabei mehr Gewicht. In der Metropole Istanbul mit ihren mehr als zwölf Millionen Einwohnern braucht eine Partei 143.000 Stimmen, um einen Abgeordnetensitz zu erobern, während im dünn besiedelten Südosten des Landes 57.000 Stimmen genügen. Die Sitzverteilung erfolgt nach einem reinen Verhältniswahlrecht, was den großen Parteien einen Vorteil verschafft. Landesweit gilt eine Zehn-Prozent-Hürde, was ebenfalls gut für die größeren und schlecht für die kleineren Parteien ist.

Nachdem es in den vergangenen Jahren Klagen über Unregelmäßigkeiten bei der Stimmauszählung gab, lud die türkische Regierung in diesem Jahr internationale Wahlbeobachter vom Europarat und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) ein. (APA)

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