Jeder zweite Schüler arbeitet mehr als 40 Stunden pro Woche

30. Oktober 2002, 12:07
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Studie: Wie lange und wofür Schüler außerhalb des Unterrichts lernen - Im Schnitt 11 Wochen-Stunden für Hausübung und Lernen

Wien - Die Anfang dieser Woche veröffentlichte OECD-Studie "Education at a Glance" hat deutlich die hohe Belastung österreichischer Schüler mit insgesamt 1.148 Stunden pro Jahr in der Klasse gezeigt. Dazu kommt jedoch noch die Zeit für Hausübungen und Lernen, die von der OECD nicht im Detail erhoben wurde. Eine brandneue Studie von Christiane Spiel und Petra Wagner vom Institut für Psychologie der Universität Wien zeigt nun, dass Hauptschüler und Gymnasiasten im Mittel mehr als elf Stunden wöchentlich außerhalb der Unterrichtszeit für die Schule arbeiten. Damit liegt bei fast jedem zweiten Schüler die Gesamt-Arbeitszeit bei mehr als 40 Stunden pro Woche.

Die beiden Bildungspsychologinnen haben in ihrer Studie die Arbeitszeit von rund 450 Schülerinnen und Schülern von der 5. bis zur 11. Schulstufe (Hauptschule sowie Unter- und Oberstufe des Gymnasiums) erhoben. Das Ergebnis: Im Mittel wenden sie elf Stunden und sieben Minuten pro Woche für Hausübungen und Lernen auf, der Maximalwert lag bei 46 Stunden und 47 Minuten. "Rechnet man dazu die Unterrichtszeit von durchschnittlich 34 Schulstunden zu je 50 Minuten pro Woche kommt man auf eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 39,5 Stunden, im Extremfall von über 75 Stunden", erklärten Spiel und Wagner gegenüber der APA.

Dabei wird in der allgemein bildenden höheren Schule (AHS) mehr Zeit für die außerschulische Arbeit investiert als in der Hauptschule. In der Oberstufe des Gymnasiums liegt die häusliche Arbeitszeit bei 12,35 Stunden pro Woche, in der Unterstufe bei 11,65 Stunden und in der Hauptschule bei 8,46 Stunden.

Während in der Hauptschule kaum Unterschiede zwischen Mädchen und Buben registriert wurden, verbringen in der AHS die Schülerinnen deutlich mehr Zeit mit Aufgaben und Lernen als die Schüler: In der Unterstufe sind es 12,25 Stunden pro Woche bei den Mädchen und 10,55 Stunden bei den Burschen, in der Oberstufe 13,41 Stunden bei den Schülerinnen und 9,64 Stunden bei den Schülern. Die Expertinnen vermuten, dass die Mädchen "durch ihr hohes Zeitinvestment ihr niedriges schulisches Selbstvertrauen und ihre Prüfungsangst zu kompensieren versuchen".

Erstmals erhoben haben Wagner und Spiel, für welche Unterrichtsfächer am meisten gearbeitet wird. Mathematik ist dabei das mit Abstand zeitaufwendigste Fach: 38,9 Prozent der Schüler nennen es an erster Stelle der arbeitsintensivsten Fächer - insgesamt bezeichnen 85,3 Prozent der Befragten Mathe als arbeitsintensiv. An zweiter Stelle folgt Englisch, das für 18,6 Prozent der Schüler das Fach ist, für das sie zu Hause am meisten arbeiten. An dritter Stelle folgt wieder mit deutlichem Abstand Deutsch (9,8 Prozent), dann Biologie und Umweltkunde (3,1 Prozent) sowie Physik (2,4 Prozent). Die Fächer Latein und Französisch wurden in der Studie nicht ausgewiesen, da es nicht von allen Schülern verpflichtend besucht wurde. In früheren Untersuchungen wurde vor allem Latein als das mit Abstand zeitintensivste Hausübungsfach genannt.

Diese Ergebnisse belegen, dass die außerschulische Arbeitszeit vorwiegend in Schularbeitsfächer investiert wird, dies vor allem deswegen, weil im Allgemeinen nur in diesen Fächern schriftliche Hausaufgaben gefordert werden. "Man muss sich fragen, ob langfristig - bezogen auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts - eine derart einseitige Verteilung des zeitlichen Investments für die Schule sinnvoll ist", so die beiden Bildungspsychologinnen. Als Voraussetzung dafür, dass es zu Änderungen in der Verteilung des außerschulischen Zeitaufwands kommt, sehen Wagner und Spiel eine Umorientierung in den Anforderungen und damit auch im Stellenwert der verschiedenen Unterrichtsfächer durch die Lehrer und die Schulbehörden. (APA)

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