Computer lösen Konflikte und vermeiden Kriege

30. Oktober 2002, 11:35
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AI-Experte Robert Trappl: Im Fall von Bosnien hätte es funktioniert

Wien - Computer können nicht nur dazu beitragen, Kriege zu führen, sondern auch helfen, diese zu vermeiden und Konflikte zu lösen. Experten auf dem Gebiet der Artificial Intelligence (AI) und der internationalen Politik aus fünf Ländern trafen sich jüngst auf Einladung des Österreichischen Forschungsinstituts für AI (ÖFAI) zu einem Erfahrungsaustausch. Eines bestätigen die intelligenten Computer eindrucksvoll: Die Konflikte der Welt laufen heute anders ab als noch von 1990.

Eines vorweg, derzeit laufen die verschiedenen Ansätze zur maschinellen Konfliktbewältigung hauptsächlich in den Labors - sprich PCs - der AI-Forscher. Bisher befragen noch die wenigsten Entscheidungsträger und Diplomaten ihre Blechkollegen vor kniffligen Einsätzen. Dabei könnte man doch einiges von einander lernen, wie folgendes Beispiel zeigt: Bei einer Analyse des damals noch ungelösten Bosnien-Problems spielten die Wiener AI-Experten um Robert Trappl Anfang der neunziger Jahre die Sache durch und ließen die Maschine nach einem vergleichbaren Konflikt in der Geschichte suchen. Im Fachjargon wird diese Methode "Case based Reasoning" genannt.

Milosevic verhindern

"Es zeigte sich, dass als ähnlichster Konflikt das Münchner Abkommen von 1938 in Frage kommt", so Trappl. Dieses Abkommen regelte die Besetzung von überwiegend von Deutschen bewohnten Gebieten der damaligen Tschechoslowakei durch Adolf Hitler beziehungsweise das Deutsche Reich. Nach dieser Analyse der Sache und den Vergleich mit Hitler durch den Computer musste man zu der Ansicht kommen, dass man den damaligen jugoslawischen Präsidenten Milosevic nicht gewähren lassen dürfe.

Eine Ansicht, mit der viel später auch die internationale Staatengemeinschaft in den Balkan-Konflikt eingegriffen und beendet hat. Generell zeigt sich bei den verschiedensten Studien zur Konfliktbeurteilung durch AI, dass die Welt seit dem Fall des Eisernen Vorhangs eine andere geworden ist. Bei der Beurteilung von aktuellen Querelen ist es besser, Daten vor 1990 als Vergleich außer Acht zu lassen. Die Vergleichbarkeit ist durch die grundlegend neue Weltordnung einfach nicht mehr gegeben.

Neuronale Netzwerke und Data Mining

"War früher für eine erfolgreiche Konfliktbewältigung die Wahl des Konfliktmanagements entscheidend, spielen heute andere Parameter die Hauptrolle", so Trappl. Wie Diplomaten an die Sache herangehen - etwa als Mediatoren oder auch als dritter, starker Mann - ist offenbar weniger entscheidend.

Die AI-Experten verwenden für ihre Analysen entweder Nachrichtenagenturen oder eigens angelegte Konfliktdatenbanken. Eine besonders aufwändige solche Sammlung wurde in Neuseeland verwirklicht, sie umfasst 366 Konflikte und 5.066 Bemühungen zur Konfliktbeendigung, die nun für aktuelle Vergleiche zur Verfügung stehen. Um die meist sehr unterschiedlichen Szenarien doch vergleichbar zu machen, setzen die Forscher modernste Methoden wie etwa Neuronale Netzwerke oder Data Mining ein. (APA)

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ÖFAI

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