Wurde auch Halothan eingesetzt?

30. Oktober 2002, 17:55
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Deutsche Gerichtsmediziner haben angeblich die Substanz bei einer der deutschen Geiseln nachgewiesen

München/Moskau - Russische Spezialeinheiten haben nach Erkenntnissen deutscher Rechtsmediziner bei der Geiselbefreiung in Moskau vermutlich das Narkosegas Halothan eingesetzt. Der Gerichtsmediziner Ludwig von Meyer sagte am Mittwoch in München, der Stoff sei bei einer der beiden deutschen Geiseln nachgewiesen worden, die die Geiselnahme überlebt hatten. Möglicherweise sei auch ein zweites, nicht bekanntes Mittel eingesetzt worden.

Zuvor hatte der US-Botschafters in Moskau, Alexander Vershbow, erklärt, bei der Aktion sein ein Opiat namens Fentanyl, das als Schmerz- oder Narkosemittel benutzt wird, verwendet worden. Zugleich kritisierte Vershbow die mangelnden Informationen der russischen Behörden über die Art des Gases. "Mit ein wenig mehr Informationen hätten einige Geiseln mehr überleben können", sagte er. Rettungskräfte und Krankenhäuser hatten die Vergifteten letzten zunächst nur unzureichend behandeln können, weil sie die Art des Gases nicht kannten.

Rasch wirkendes Narkosemittel

In den vergangenen Tagen hatte es unterschiedliche Vermutungen über die Art des verwendeten Gases gegeben. US-Experten gingen davon aus, dass es Opiate enthielt, während britische Mediziner nicht ausschlossen, dass es sich um das Nervengas BZ handelte. Die russischen Behörden hatten trotz Anfragen mehrerer Botschaften keine Angaben zur Art des verwendeten Gases gemacht.

Halothan ist ein starkes und rasch wirkendes Narkosemittel. In der modernen Anästhesie wird es wegen seiner potenziellen Gefahren für die Leber mehr und mehr durch andere Präparate ersetzt. Die beiden deutschen Geiseln waren zur Behandlung nach Deutschland ausgeflogen worden und wurden bereits aus dem Krankenhaus entlassen.

Nach Einschätzung von Prof. Eberhard Kochs, Chef- Anästhesist am Münchner Klinikum rechts der Isar, ist Halothan allerdings nicht der einzige bei der Befreiung der Geiseln verwendete Stoff. So sei das Mittel nicht geeignet, um in einem so großen Saal wie in dem Moskauer Theater eine hohe Anzahl von Menschen schnell zu betäuben. Der Münchner Toxikologe Prof. Thomas Zilker geht daher davon aus, dass zur schnelleren Verbreitung des Narkosemittels ein so genanntes Treibgas eingesetzt wurde. Zudem sei das Narkosemittel in einer "irrwitzigen Dosis" eingesetzt worden.

Nachrichtenagenturen berichteten unter Berufung auf russische Gesundheitsbehörden, derzeit würden noch 245 befreite Geiseln in Krankenhäusern behandelt. Der Zustand von 16 von ihnen sei kritisch.

Am Mittwoch wurden in Moskau weitere Opfer der Geiselnahme beigesetzt. Unter ihnen waren zwei Kinder, die zu den Akteuren des Musical-Theaters gehörten, das vor einer Woche von tschetschenischen Geiselnehmern gestürmt worden war. Sie hatten mehr als 700 Menschen in ihre Gewalt gebracht. Bei der Stürmung des Theaters am Samstag waren nach offiziellen Angaben auch rund 50 Geiselnehmer ums Leben gekommen. (APA/Reuters/dpa)

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