Zugunglück mit sechs Toten: Zwei Jahre bedingt für ÖBB-Mann

30. Oktober 2002, 20:00
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Im Februar 2002 starben sechs Menschen, 16 wurden zum Teil schwer verletzt- der Verschubmeister hatte defekte Bremsen nicht entdeckt

Wiener Neustadt - Das Gutachten kommt zu einem eindeutigen Schluss: Ein nicht entdeckter Bremsdefekt hat zum Zugunglück bei Wampersdorf (Bezirk Baden) geführt, bei dem am 26. Februar dieses Jahres sechs Menschen starben und 16 zum Teil schwer verletzt wurden. Der für die Kontrolle des Güterzuges verantwortliche ÖBB-Verschubmeister aus dem Burgenland musste sich daher am Mittwoch am Landesgericht Wiener Neustadt wegen fahrlässiger Gemeingefährdung verantworten. Einzelrichter Wolfgang Reichert hatte neben einem Sachverständigen auch 13 Zeugen geladen.

Auf der eingleisigen Pottendorfer Linie waren am Nachmittag des 26. Februar ein Güterzug und eine "Rollende Landstraße" kollidiert. Auf dem Huckepackzug befanden sich 21 Lkw - aus Ungarn, Jugoslawien und der Türkei. Der Waggon mit den Lenkern wurde völlig zertrümmert, insgesamt 250 Helfer standen stundenlang im Rettungseinsatz.

Den Ermittlungen zufolge sollte der Güterzug aus Ungarn am Bahnhof Ebenfurth auf seine Bremsfunktion kontrolliert werden, wobei ein geschlossenes Ventil übersehen wurde. Dadurch waren 26 Waggons ungebremst, weshalb der Zug im Bahnhof Wampersdorf nicht zum Stillstand kam und in der Folge mit etwa 30 Stundenkilometern mit der "Rollenden Landstraße" zusammenstieß.

Der Angeklagte Josef T. bekannte sich mitschuldig. Der Verteidiger des Burgenländers, Edwin Mächler aus Graz, räumte ein, dass die Bremsprobe nicht korrekt war. Der Waggon mit dem geschlossenen Luftabsperrventil, das seit längerem schadhaft, verbogen und verrostet war, sei monatelang in Ungarn unterwegs gewesen. Er vermisse daher auf der Anklagebank mehrere Personen - etwa Verantwortliche der Raab-Ödenburgbahn oder jenen ungarischen Verschubmeister, der den Güterzug zusammengestellt hat.

Bremskontrolle

Staatsanwalt Sepp-Dieter Fasching verwies darauf, dass die Bremskontrolle laut Vorschrift der ÖBB am letzten Waggon durchzuführen wäre. T. hatte jedoch nur den ersten Wagen kontrolliert.

Josef T., gelernter Fleischhauer, ist seit 1971 bei den ÖBB beschäftigt, zurzeit aber im Krankenstand, seelisch betreut im Krisenzentrum. Er denke ständig daran, was passiert sei, so der Angeklagte. Am Tag des Unfalles war er seit dem frühen Morgen im Dienst. Als der Güterzug routinemäßig eintraf, stand er nicht unter Zeitdruck: "Aber wenn man arbeitet, will man ja was weiterbringen."

Er verlangte vom Lokführer die Papiere und ordnete die Bremsprobe an, ohne mit dem Fahrrad die 660 Meter zum Ende des Güterzuges gefahren zu sein. Von dort hätte er über Funk zum Fahrdienstleiter sein Okay geben können.

Der Verschubmeister gab ehrlich zu, dass er meistens derart verfahren sei. Nicht unüblich, wie Fahrdienstleiter und Aufsichtsverschubmeister eingestanden.

Richter Wolfgang Reichert sah es als erwiesen an, dass die Bremsen nicht ordnungsgemäß kontrolliert wurden. Josef T. wurde daher - nicht rechtskräftig - zu zwei Jahren bedingter Freiheitsstrafe verurteilt. (APA)

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