Apropos Rückgrat . . .

29. Oktober 2002, 19:37
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Ioan Holender antwortet in einem Kommentar der anderen auf Rudolf Scholten

Das Ziel meiner Ergebenheitsadresse", wie Rudolf Scholten das an dieser Stelle in seiner Heller-Hommage ("Die Aufregungskeule", 23. 10.) zu formulieren beliebte, war vor der "Wende" nicht die damalige Regierung und ist derzeit nicht jene, die gegenwärtig noch im Amt ist, und mir zu unterstellen, in der schwarz-blauen Regierung meine "politische Heimat" gefunden zu haben, ist schon deshalb infam, weil der Autor dieser Behauptung selbst am besten weiß, dass dem nicht so ist.

Polemik und Unterstellung sind nun einmal billige, wenn auch bewährte Mittel, anders lautende Meinungen lächerlich zu machen.

Wenn eine differenzierte Beurteilung politischer Mandatare als Opportunismus bezeichnet wird, dann bekenne ich, ein Opportunist zu sein. Wenn eine bestimmte Sacharbeit a priori verurteilt wird, nur weil sie jemand leistete, der nicht der eigenen Partei angehört, und jene, welche dies aussprechen, als Opportunisten bezeichnet werden, nun gut, dann bin ich eben ein Opportunist.

Fundamentalopposition wird zwar häufig zur Eigenwerbung genutzt, aber nachweislich wird sie den Tatsachen meist nicht gerecht. Wenn ich die Meinung vertrete, dass die Pervertierung einer Laudatio im Rahmen einer Preisverleihung für parteipolitische Werbung, noch dazu in der miesesten Art, nämlich als Niedermachung eines politischen Mandatars, niveaulos und äußerst fragwürdig ist, so wird dies doch wohl ein liberal denkender Bankdirektor und Intellektueller auch einem Operndirektor zugestehen, selbst wenn er anderer Meinung ist. Oder darf man Widerstand, wie Scholten ihn versteht, nur gegenüber jenen zeigen, welche genehm, oder besser gesagt, nicht genehm sind?

"Wir wollen doch ein Land mit Rückgrat, oder?", fragt Scholten in seinem Kommentar. Ja, das wollen wir, das will auch ich. Und Rückgrat zeigen bedeutet auch, eine Regierung aufzulösen, wenn die Richtung, welche dieses Rückgrat erfordert, nicht mehr eingehalten werden kann, ohne Wenn und Aber, unter Umständen auch zum eigenen, persönlichen Nachteil. Das ist in unserem Land jetzt geschehen und das achte ich.

In dem Artikel, dem ich hier zu antworten versuche, wird mir in meiner "exklusiven Position Mut" attestiert. Will man mir damit Angst machen? Das ist in meinem Leben schon anderen, wirklich grausamen "Ideenvertretern" nicht gelungen.
        Ioan Holender,
        Staatsoperndirektor
(DER STANDARD, Printausgabe, 30.10.2002)

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    Ioan Holender

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