"Im Unibereich sehr viel nachzuholen"

29. Oktober 2002, 18:59
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OECD-Experte zu Österreichs Bildungssystem

Für Andreas Schleicher, Autor der OECD-Studie "Bildung auf einen Blick", ist der Reformbedarf in Österreich im Hochschulbereich größer als bei Schulen: "Im Universitätsbereich gibt es ohne jeden Zweifel wirklich sehr viel nachzuholen", sagte Schleicher im STANDARD-Gespräch. "Die Hemmschwelle, ein Studium aufzunehmen, ist sehr, sehr hoch." Wie berichtet, weist Österreich die niedrigste Akademikerquote und die höchste Studiendauer aller Industrieländer auf.

Studiengebühren sind nach Ansicht des OECD-Experten nur ein Teil der Lösung: "Gebühren mögen ein Anreiz sein, schneller fertig zu werden. Aber das Wesentliche ist das Bildungsangebot." Schleicher sieht die Notwendigkeit zu differenzierten Qualifikationsstrukturen. "Das heißt, dass man den jungen Menschen größere Freiräume lässt und mehr Wahlmöglichkeiten bietet. Es ist nicht notwendig, dass jeder sechs oder sieben Jahre studiert. Dass man wie in England sagen kann: Ich will drei Jahre studieren und mache später meinen Master."

Die Dualität im Bildungssystem müsse überwunden werden, so Schleicher. "Dass sich ein junger Mensch nicht gleich entscheiden muss, ich mache eine berufliche Ausbildung oder ich mache ein Hochschulstudium. Das starre System ist das Problem." Es müsse möglich sein, sich nach einer beruflichen Ausbildung noch für ein Studium zu entscheiden. Schleicher verweist auf Programme in Großbritannien und Australien.

Die Situation an Österreichs Schulen beurteilt Schleicher allgemein als vergleichsweise gut, auch für Lehrer: "Sie werden sehr gut bezahlt, haben eine relativ günstige Arbeitszeit." Zur vergleichsweise niedrigen Verweildauer österreichischer Lehrer an den Schulen erläuterte Schleicher, dass der OECD-Vergleich nicht die tatsächliche Arbeitszeit darstelle, sondern nur die Unterrichtszeit.

Auf das Fehlen österreichischer Daten etwa zur Weiterbildung angesprochen, sagte der Leiter der Bildungsstatistik, es sei schwierig, von Österreich Zahlen zu bekommen: Es gebe den Eindruck, "dass das Internationale nicht oberste Priorität hat" für österreichische Behörden. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.10.2002)

Alexandra Föderl-Schmid aus Berlin
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