Antisemitische Parolen in Bozen

29. Oktober 2002, 20:25
1 Posting

Südtiroler FP-Funktionärin: Nicht für jüdisches Mahnmal spenden

Ein Gedenkstein wurde zum Stein des Anstoßes: Letzte Woche initiierte die kleine Israelitische Kultusgemeinde in Südtirol - gemeinsam mit den Bozner Tageszeitungen Dolomiten und Alto Adige - eine Spendenaktion für die Errichtung eines jüdischen Mahnmals auf dem Bozner Friedhof. Ein schlichter Gedenkstein für die Opfer der Judenverfolgung soll errichtet werden. Für die Generalsekretärin der Freiheitlichen Partei in Bozen, Ulrike Mair, ist diese Spendenaktion untragbar. Es sei "nicht nachvollziehbar, dass rechtschaffene und arbeitsame Südtiroler für einen jüdischen Gedenkstein Geld spenden sollen", kritisierte die junge Generalsekretärin des Südtiroler FPÖ-Ablegers via Aussendung. Südtirol habe "wichtigere Probleme, als immer und immer wieder den Juden Gehör zu verschaffen", die ohnehin überall in der Welt Machtpositionen innehätten. "Es muss endlich Schluss gemacht werden mit Schuldzuweisungen aus der Vergangenheit, wo immer nur die Juden als Opfer dargestellt werden", erklärte Mair.

Die Entrüstung nach diesen Aussagen war groß. Diözesanbischof Wilhelm Egger spendete demonstrativ für den Gedenkstein, die Linksdemokraten machten eine Eingabe bei der Staatsanwaltschaft wegen antisemitischer Propaganda. "Erschüttert" von derlei "antisemitischen Äußerungen" zeigen sich die Grünen. Der Obmann der SVP, Siegfried Brugger, forderte die sofortige Entlassung Mairs.

Die Freiheitlichen stellten sich jedoch geschlossen hinter ihre Generalsekretärin. FP-Obmann Pius Leitner gab zwar zu, dass einige Passagen hätten anders formuliert werden können, er stehe aber zum Inhalt der Aussendung. Man wehre sich "gegen den Presseterror", die Freiheitlichen stünden für freie Meinungsäußerung und könnten nicht ins antisemitische Eck gerückt werden, schließlich wolle man nur die Diskussion auch über heikle Fragen anregen.

Nicht Naivität sagen indes Südtirols Historiker der 28-Jährigen nach, sondern politisches Kalkül. Mair übernehme immer wieder Argumentationsmuster aus dem nahen Ausland, die Freiheitlichen möchten damit rechte bis rechtsextreme Wähler ansprechen. Hier gebe es in Südtirol ein großes Stimmenreservoir - und in einem Jahr sind Landtagswahlen. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.10.2002)

Von Andreas Feichter aus Rom
Share if you care.