Der Leichenbitter

29. Oktober 2002, 19:05
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Günter Traxler über "Mausi" als Wunderwaffe und alte Hüte im Wahlkampf der FPÖ

Wie sich viele Kommentatoren den Kopf darüber zerbrechen, ob Alfred Gusenbauers Ansage, in Opposition zu gehen, wenn die SPÖ am 24. November nicht stärkste Partei wird, auch wirklich klug sei oder ob die Präsentation von Josef Broukal und nun Gertraud Knoll auch wirklich die Wähler solcherart beeinflussen werde, dass ihm die Opposition erspart bleibt, das hat fast schon etwas Rührendes. Spätestens am Abend des Wahltages werden wir es wissen. Eines hat Gusenbauer damit aus eigener Kraft erreicht: Er hat Wolfgang Schüssel als die bis zuvor dominierende Person dieses Wahlkampfes - zumindest vorübergehend - entthront und aus der von vielen unter geheuchelten Schmerzen ertragenen Charismalosigkeit heraus das Gesetz des Handelns an sich gerissen. Nichts bestätigt das so nachdrücklich wie die "King Kong"-Reaktion seines Konkurrenten.

King-Kong-Verhalten als Beschreibung für kreatürlich-hilfloses Agieren letztlich zum eigenen Schaden hätte viel besser auf die Partei gepasst, die noch immer der bevorzugte Partner Schüssels für eine Fortsetzung der Wende ist. Als hätten die Freiheitlichen unter schweigender Duldung durch den Kanzler in der Zeit ihres neuen Mitregierens nicht schon genug Unfug angerichtet, treiben sie es nun bis zu der von weiten Kreisen der eigenen Partei mit Schadenfreude verfolgten Selbstzerstörung. Man war von der Bewegung Jörg Haiders in den letzten Jahren ja einiges gewöhnt, aber was sich jetzt abspielt, lässt sich, wenn man Schüssels geliebten tierischen Vergleichen für Banker und Gegner nichts abgewinnen kann, nur so beschreiben: ein Käfig blauer Narren.

Da sprengt der große Stratege von Kärnten aus die Koalition, der er ihr patschertes Leben eingehaucht hat (oder lädt Schüssel ein, es zu tun - wie immer man das betrachten will), er lässt seine Regierungsmitglieder samt Parteiobfrau von einem Tag auf den anderen fallen, schickt sich selber auf dem Umweg über Knittelfeld schmollend ins Abseits, ohne einen auch nur halbwegs passablen Spitzenkandidaten für die Wahl präsentiert zu haben. Und nun weidet er sich an der verzweifelten Ratlosigkeit eines Haufens, dessen Mitglieder die Posten und Mandate davonschwimmen sehen, an die sie sich eben erst zu gewöhnen begannen. Und die deshalb ihre letzte Hoffnung in eine Reanimation Jörg Haiders setzen, der ihnen all das eingebrockt hat.

Der mühsam und eher gegen seinen Willen installierte Spitzenkandidat von seinen intrigierenden Parteifreunden schwerer angeschlagen als von seiner Angina (wer schwor da "Unsere Ehre heißt Treue"?) -, eine der Öffentlichkeit vor allem unter "Mausi" bekannte Dame als Wunderwaffe im Kampf um Frauenstimmen im Gespräch (da hätte man auch bei Forstinger bleiben können), ein Wahlkampf, in dem die so oft strapazierten kleinen Leute statt mit Steuersenkungs- und Pensionsversprechen umworben mit alten Hüten wie EU-Kritik und Asylantenquälen abgespeist werden, weil das die einzigen Themen sind, bei denen sich die FPÖ noch einige Glaubwürdigkeit zutraut - und das alles verdankt das Land, entgegen anders lautenden Behauptungen, nicht Wolfgang Schüssel, sondern dem Genie des Führers, der diese Bewegung nach seinem Willen geschaffen hat und nun nach seiner Laune in den Graben führt.

Kein Schaden. Wenn er nun Schüssel beschuldigt, über Leichen zu gehen, mag das vom Verwesungsgeruch eingegeben sein, der von der Wendekoalition aufsteigt. Am Zustand der FPÖ ist Haider allein schuld. Wenn er trotzdem bestürmt wird, sich ihrer noch einmal zu erbarmen, beweist das nur: Unbelehrbarkeit ist nicht an die Vergangenheit gebunden. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.10.2002)

Kolumne von Günter Traxler
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