Lust und Leid am Überfluss

7. November 2002, 13:02
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    foto: viennale

    "Monrak Transistor"

Jeder Tag eine Kette verpasster Chancen, eine (zu?) geballte Ladung Vielfalt: ein Rückblick

Jeder Tag eine Kette verpasster Chancen. Bei der Viennale, die am Mittwoch zu Ende ging, bedeutete das wieder: für manche exzellente Filme und Retros ein schlankeres Programm wünschen.


Wien - "Die Jungen haben ein völliges Vakuum im Kopf!" Viennale-Direktor Hans Hurch, der uns dieser Tage im Falter mit Aussagen wie "Ich bin viel jünger und moderner als diese Kids" überrumpelte - er ist ein Mann der heiteren Widersprüchlichkeiten: Die Wiener Filmfestwochen wurden heuer von Kids förmlich gestürmt, die das "völlige Vakuum" (Hurch) in ihren Köpfen mit 10, 20, 30 Kinobesuchen in nur zwölf Tagen vermutlich bis zur totalen Erschöpfung eliminiert haben. Nicht nur sie, sondern auch ältere Festivalbesucher wurden tatsächlich sehr gut bedient.

Man könnte nun wieder einmal mit Listen auffahren, was die Viennale noch zeigen hätte müssen. Und man könnte darüber spekulieren, was Hurch für sein Programm von Verleihern nicht bekommen hat (oder bekommen wollte). Man kann das aber auch bleiben lassen, weil Filme wie Paul Thomas Andersons Punch Drunk Love oder Alexander Paynes About Schmidt - um nur zwei unerfüllte "Wünsche" zu benennen - ohnehin in die heimischen Kinos kommen werden.

Nein, eigentlich muss man eher festhalten: Die Viennale zeigt schlicht zu viel. Diesen Vorwurf konnte man schon Hurchs Vorgängern Wolfgang Ainberger und Alexander Horwath nicht ersparen, die ebenfalls eine geballte Ladung Vielfalt gegen den verarmten Kinoalltag auffuhren - und dabei Gefahr liefen, Perlen quasi ins Leere zu werfen oder zumindest viel zu wenig beachtet auf winzige Teilchen in einem gewaltigen Weltkino-Mosaik zu reduzieren. Da laufen sie dann ein- oder zweimal - und dann verschwinden sie auf ewig aus dem kollektiven Gedächtnis, das ihrer doch so dringend bedürfte.

Hurch geht da - freilich mit mehr Distanz zu hippen Parolen - einen ähnlichen Weg. Heuer hat er Wien in kürzester Zeit neben dem opulenten Hauptprogramm mehrere Retrospektiven parallel zugemutet, von denen jede einzelne über das Jahr verteilt für sich Furore machen müsste. Wir sagen nur: Jacques Rivette; Jürgen Böttcher; Ed Lachman; Sissy Spacek; Klaus Wyborny; Zeki Demirkubuz - und vor allem die grandiose Filmarchiv-Schau zeitnah, weltfern, bei der man die Organisatoren um eine baldigste Reprise im Metro-Kino bitten möchte.

Viel verpassen ...

Viennale, das heißt: für eine feine Sache mindestens fünf andere verpassen. Persönliche Highlights waren etwa: die mit neuer Musik von Aljoscha Zimmermann begleitete Aufführung von Napoléon vu par Abel Gance (leider nur jener Kapitel mit Antonin Artaud und rund um die französische Revolution: Wir flehen um eine baldige vollständige Projektion!). Oder: das informative Holger-Meins-Programm rund um eine Dokumentation des RAF-Mitglieds von Gerd Conradt. Oder: die umstrittene belgische Dokumentation Kronenzeitung: Tag für Tag ein Boulevardstück, zu der man eine ausführliche Diskussion im Viennale-Zelt im Stadtpark erhofft hätte.

Vergebens. Wie heuer überhaupt der reflexive Teil des Festivals wieder einmal zu kurz kam. Ein jugendliches Mitglied der STANDARD-Viennale-Leserjury meinte, er habe es genossen, nach den Filmen im Kino die Regisseure und Schauspieler noch erzählen zu hören. Diese Chance, ein "Vakuum in den Köpfen" zu füllen, hätte offensiver genützt werden müssen. Aber irgendwie wirken dann alle, das Viennale-Team inklusive, im allgemeinen Taumel von Film zu Film zu entkräftet, um den Raum zwischen den Kinos nachhaltiger zu infizieren.

Die STANDARD-Leserjury - Josef Gebetsroither, Martin Lang, Ewa Pyrko, Romana Scheffknecht und Ulrike Stumpf - erkor unter 20 gesichteten Filmen den thailändischen Beitrag Monrak Transistor zu ihrem Favoriten: Regisseur Pen-ek Ratanaruang erzählt darin rund um einen Tagträumer und Amateursänger eine wunderbar bildkräftige Liebesgeschichte, und wenn ein heimischer Verleih diese regulär ins Kino bringt, wird DER STANDARD wieder kostenlosen Anzeigenraum dafür zur Verfügung stellen.

Der Preis der internationalen Filmkritiker ging an den argentinischen Erstlingsfilm Tan de repente (Regie: Diego Lerman), der Wiener Filmpreis an Kenan Kilics Nachtreise. Präsentiert wurden alle Auszeichnungen am Mittwochabend bei der Abschlussgala mit dem australischen Spielfilm Lantana.

Letzterer, ein melancholisches Short-Cuts-Drama ermüdeter zwischenmenschlicher Beziehungen, inszeniert von Ray Lawrence, wirkt auf etwas betuliche Weise ziemlich deplatziert im ansonsten weitgehend stringenten Programm. Oder nein, eine Schwachstelle wäre da noch: Philip Noyces Aborigines-Drama Rabbit-Proof Fence erzählt über die Flucht dreier Kinder durch Einöden und Wüsten, macht aber nicht im mindestens Raum- und Zeitverhältnisse bewusst. Dazu: gelackte Worldmusic von Peter Gabriel: "Sound, Teppich, Sauce", nennt Hurch so etwas normalerweise.

Am Mittwochmorgen freute er sich bei der Abschlusspressekonferenz jedenfalls über mehr als 70.000 verkaufte Viennale-Tickets. Und er muss hoffen, dass das nun von der Viennale betriebene Gartenbau-Kino von der Festivalbegeisterung profitiert. Ab Donnerstag läuft dort, hoffentlich mit Zukunft, Aki Kaurismäkis Mann ohne Vergangenheit. Mehr darüber demnächst. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.10./1.11.2002)

Von Claus Philipp

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