Jeder Tag eine Kette verpasster Chancen, eine (zu?) geballte Ladung Vielfalt: ein Rückblick
Jeder Tag eine Kette
verpasster Chancen.
Bei der Viennale, die
am Mittwoch zu Ende ging,
bedeutete das wieder:
für manche exzellente
Filme und Retros ein
schlankeres Programm
wünschen.
Wien - "Die Jungen haben ein völliges Vakuum im Kopf!"
Viennale-Direktor Hans Hurch, der uns dieser Tage im
Falter mit Aussagen wie "Ich
bin viel jünger und moderner
als diese Kids" überrumpelte -
er ist ein Mann der heiteren
Widersprüchlichkeiten: Die
Wiener Filmfestwochen wurden heuer von Kids förmlich
gestürmt, die das "völlige Vakuum" (Hurch) in ihren Köpfen mit 10, 20, 30 Kinobesuchen in nur zwölf Tagen vermutlich bis zur totalen Erschöpfung eliminiert haben.
Nicht nur sie, sondern auch ältere Festivalbesucher wurden
tatsächlich sehr gut bedient.
Man könnte nun wieder
einmal mit Listen auffahren,
was die Viennale noch zeigen
hätte müssen. Und man könnte darüber spekulieren, was
Hurch für sein Programm von
Verleihern nicht bekommen
hat (oder bekommen wollte).
Man kann das aber auch bleiben lassen, weil Filme wie
Paul Thomas Andersons Punch Drunk Love oder Alexander Paynes About Schmidt
- um nur zwei unerfüllte
"Wünsche" zu benennen -
ohnehin in die heimischen
Kinos kommen werden.
Nein, eigentlich muss man
eher festhalten: Die Viennale
zeigt schlicht zu viel. Diesen
Vorwurf konnte man schon
Hurchs Vorgängern Wolfgang
Ainberger und Alexander
Horwath nicht ersparen, die
ebenfalls eine geballte Ladung
Vielfalt gegen den verarmten
Kinoalltag auffuhren - und
dabei Gefahr liefen, Perlen
quasi ins Leere zu werfen oder
zumindest viel zu wenig beachtet auf winzige Teilchen in
einem gewaltigen Weltkino-Mosaik zu reduzieren. Da laufen sie dann ein- oder zweimal
- und dann verschwinden sie
auf ewig aus dem kollektiven
Gedächtnis, das ihrer doch so
dringend bedürfte.
Hurch geht da - freilich mit
mehr Distanz zu hippen Parolen - einen ähnlichen Weg.
Heuer hat er Wien in kürzester
Zeit neben dem opulenten
Hauptprogramm mehrere Retrospektiven parallel zugemutet, von denen jede einzelne
über das Jahr verteilt für sich
Furore machen müsste. Wir
sagen nur: Jacques Rivette;
Jürgen Böttcher; Ed Lachman;
Sissy Spacek; Klaus Wyborny;
Zeki Demirkubuz - und vor
allem die grandiose Filmarchiv-Schau zeitnah, weltfern,
bei der man die Organisatoren
um eine baldigste Reprise im
Metro-Kino bitten möchte.
Viel verpassen ...
Viennale, das heißt: für eine
feine Sache mindestens fünf
andere verpassen. Persönliche
Highlights waren etwa: die mit
neuer Musik von Aljoscha
Zimmermann begleitete Aufführung von Napoléon vu par
Abel Gance (leider nur jener
Kapitel mit Antonin Artaud
und rund um die französische
Revolution: Wir flehen um eine baldige vollständige Projektion!). Oder: das informative
Holger-Meins-Programm rund
um eine Dokumentation des
RAF-Mitglieds von Gerd Conradt. Oder: die umstrittene
belgische Dokumentation
Kronenzeitung: Tag für Tag ein Boulevardstück, zu der man
eine ausführliche Diskussion
im Viennale-Zelt im Stadtpark
erhofft hätte.
Vergebens. Wie heuer überhaupt der reflexive Teil des
Festivals wieder einmal zu
kurz kam. Ein jugendliches
Mitglied der STANDARD-Viennale-Leserjury meinte, er habe
es genossen, nach den Filmen
im Kino die Regisseure und
Schauspieler noch erzählen
zu hören. Diese Chance, ein "Vakuum in den Köpfen" zu
füllen, hätte offensiver genützt werden müssen. Aber
irgendwie wirken dann alle,
das Viennale-Team inklusive,
im allgemeinen Taumel von
Film zu Film zu entkräftet, um
den Raum zwischen den Kinos nachhaltiger zu infizieren.
Die STANDARD-Leserjury - Josef Gebetsroither, Martin
Lang, Ewa Pyrko, Romana
Scheffknecht und Ulrike
Stumpf - erkor unter 20 gesichteten Filmen den thailändischen Beitrag Monrak Transistor zu ihrem Favoriten: Regisseur Pen-ek Ratanaruang
erzählt darin rund um einen
Tagträumer und Amateursänger eine wunderbar bildkräftige Liebesgeschichte, und
wenn ein heimischer Verleih
diese regulär ins Kino bringt,
wird DER STANDARD wieder kostenlosen Anzeigenraum dafür
zur Verfügung stellen.
Der Preis der internationalen Filmkritiker ging an den
argentinischen Erstlingsfilm
Tan de repente (Regie: Diego
Lerman), der Wiener Filmpreis an Kenan Kilics Nachtreise. Präsentiert wurden alle
Auszeichnungen am Mittwochabend bei der Abschlussgala mit dem australischen Spielfilm Lantana.
Letzterer, ein melancholisches Short-Cuts-Drama ermüdeter zwischenmenschlicher Beziehungen, inszeniert
von Ray Lawrence, wirkt auf
etwas betuliche Weise ziemlich deplatziert im ansonsten
weitgehend stringenten Programm. Oder nein, eine
Schwachstelle wäre da noch:
Philip Noyces Aborigines-Drama Rabbit-Proof Fence erzählt über die Flucht dreier
Kinder durch Einöden und
Wüsten, macht aber nicht im
mindestens Raum- und Zeitverhältnisse bewusst. Dazu:
gelackte Worldmusic von Peter Gabriel: "Sound, Teppich,
Sauce", nennt Hurch so etwas
normalerweise.
Am Mittwochmorgen freute er sich bei
der Abschlusspressekonferenz jedenfalls über mehr als
70.000 verkaufte Viennale-Tickets. Und er muss hoffen,
dass das nun von der Viennale
betriebene Gartenbau-Kino
von der Festivalbegeisterung
profitiert. Ab Donnerstag läuft dort,
hoffentlich mit Zukunft, Aki
Kaurismäkis Mann ohne Vergangenheit. Mehr darüber
demnächst. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.10./1.11.2002)
Von Claus Philipp