Wenn die Krise zu jubeln beginnt

17. Dezember 2002, 22:36
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Der Kabarettist Severin Groebner demonstriert Durchhaltevermögen

Wien - Sesselkleber ist er keiner: Severin Groebner, von der Physiognomie her (schlaksig und schmächtig) zum Kabarettisten geradezu prädestiniert, hastet in seinem neuen, dritten Soloprogramm, das er im Theater Drachengasse präsentierte, rastlos zwischen Barhocker, Bürodrehstuhl und Holzsessel hin und her.

Und weil er, wie es sich für einen existenzialistisch angehauchten Entertainer gehört, rabenschwarz gekleidet ist, machen nicht Kleider, sondern eben Sitzgelegenheiten Leute: Groebner passt sich diesen an wie einst Woody Allens Zelig, er mutiert vom outrierenden Gedichtinterpreten zum leidgeprüften Autor und lässigen Talkmaster.

Die Persönlichkeitsspaltungen setzten sich aber noch weiter fort. Schließlich verkörpert Groebner, wenn er seine Anekdoten erzählt, auch eine Unzahl anderer Figuren. Eine von diesen hat er ganz besonders lieb gewonnen: seine Krise. Mit ihr führt Groebner wunderbare Zwiegespräche. Und wenn er seine Krise gibt, was eher häufig vorkommt, dann sieht er aus wie ein kleiner, wasserspeiender Dämon an der Dachtraufe einer gotischen Kathedrale. Nur mit viel müderem Blick.

Kürzlich wurde ihm, wie berichtet, der deutsche Kleinkunst-Förderungspreis zugesprochen. Weil er es, wie die Jury meinte, virtuos verstehe, "seine geistreichen Irrwitzigkeiten und intelligenten Hirngespinste zu vielfältig schillernden Kabarettkunstwerken zu verdichten". Dem ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen. Außer dass er die Verdichtung zu weit treibt: Ganz im Ernst und die Geschichte des Humors in 120 Minuten verzahnt zwei abendfüllende Programme. Um den Monstertext zu bewältigen, muss Groebner schon recht hasten.

Zudem ist die Dramaturgie eher dröge: Als "Edutainer" erklärt Groebner eben die Geschichte (ab Sokrates) neu. Das ist witzig - wie die Dialektrede von Marc Anton auf Caesar und dessen ordentliche Beschäftigungspolitik für Sklaven. Aber spätestens bei der Revolution wird einem bewusst: Bis Groebner bei der Spaßgesellschaft angekommen sein wird, dauert es noch lange. Von Regie (Nehle Dick) ist da wenig zu spüren. Aber die Krise des Kritikers unterhielt sich immer besser. Gegen Schluss, wenn es wirklich todernst wird (Humor im KZ), fand sie den Abend klasse. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.10.2002)

Von Thomas Trenkler
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    Severin Groebner

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