Dirigent der Aufmüpfigkeit

29. Oktober 2002, 18:52
posten

Bassist Dave Holland im Konzerthaus

Wien - Eine Big Band ist ein Zeichen von Wohlstand. Nicht für die Spieler, obwohl sie doch ein geregeltes Einkommen bringen kann. Aber für den Leader ist sie ein Symbol, sich was leisten zu können. Seht her, alles meine Jungs! Die spielen für mich, und wie sie spielen! Dave Holland müsste man natürlich foltern, um ihm solche Aussagen zu entlocken. Er ist beim Plausch die Fortsetzung seines Bassspiels mit verbalen Mitteln - trocken, relaxed und keinesfalls geschwätzig wie eine Elster.

Aber wenn er mit seinem Bass im Hintergrund stehend sein Kollektiv von Individualisten angrinst, will man einen Hauch von Besitzerstolz erkennen dürfen. Tatsächlich hat der Mann, der heuer in Downbeat einige Kritiker-Bewertungstoplisten anführt (auch bei der Publikumswertungen wird es nicht anders ausgehen), um sich herum Qualität versammelt.

Sie wandert zwar im Bereich des doch braven Mainstream (Holland sieht sich als Arrangeur in der Tradition Ellington/Strayhorn). Doch die Solisten haben es mitunter in sich, bringen einen Hauch des Aufmüpfigen ein. Schrullig virtuos Vibrafonist Steve Nelson und vor allem dieser Chris Potter. Der Tenorsaxofonist braucht im Konzerthaus nur einige Minuten, um zu bestätigen, dass er einer der Wichtigen ist.

Er bekommt ziemlich viele Entfaltungsminuten, in einem Solo durchwandert er die Jazzgeschichte - von Charlie Parkers schnittiger Linearität über Sonny Rollins' Staccato-Kunst bis hin zum hymnisch-exaltierten freien Spiel. Doch kein Leerlauf, sinnvoll erfüllte Improvisationszeit. Holland stimmt zu, dass Potter ein Großer ist. Aber seine anderen Musiker will er doch in Schutz nehmen:

"Vielleicht ist Potter besonders aufgefallen, weil er an diesem Abend viel Raum hatte. Das ist nicht immer der Fall. Ich tausche bei meinen Arrangements die Solisten aus." Mag sein. Auch im Quintett ist Potters Arbeit jedoch von wuchtiger Eleganz und einer dramaturgischen Intelligenz, die nur Weltmeister aufzuweisen haben.

Schwere Zeiten

Hollands dezente Urkraft ist natürlich nicht zu vergessen. Aber die kennt man. Seit ihn Miles Davis in den 60ern einmal gehört und gleich in sein Kollektiv aufgenommen hat, ist Holland einer der wichtigen Bassisten. Das hat sich ökonomisch nicht immer umgesetzt. "Finanziell war es lange schwierig, und es begann mühsam zu werden, als ich Miles verließ. Erst Anfang der 90er begann es wirklich gut zu laufen, nach einem Album, das ich mit Pat Metheny eingespielt hatte. Heute managt mich meine Tochter, sie ist Rechtsanwältin und kämpft für mich Dinge aus." (DER STANDARD, Printausgabe, 30.10.2002)

Von Ljubisa Tosic
Share if you care.