Dreckskerl Richard

29. Oktober 2002, 18:46
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Christoph Marthaler bleibt - und Stefan Pucher inszeniert einen grandiosen "Richard III"

Zürich - Dank einer Ausfallgarantie des Kantons Zürich hat sich der Verwaltungsrat des Zürcher Schauspielhauses nun doch dazu entschlossen, die Kündigung von Christoph Marthaler zurückzuziehen. Wie am Montag offiziell bekannt wurde, wird der Kanton zwei Millionen Franken des zu erwartenden Defizits übernehmen, 1,8 Millionen soll das Haus intern einsparen.

Keine ganz leichte Aufgabe. So ist zwar die vierte Marthaler-Saison 2003/04 vorläufig gesichert; ob es jedoch zu einer fünften kommt, bleibt fraglich. Regierungsrat Markus Notter sagte gegenüber dem Zürcher Tages-Anzeiger: "Sie wäre möglich, wenn die dritte ein solcher Erfolg wird, wenn die Leute in das Haus strömen."

Der Saisonstart deutet auf eine künstlerische Konsolidierung hin. Man wusste zwar von München her, dass mit Elfriede Jelineks In den Alpen ein schwer verdaulicher Brocken ins Haus steht. Stefan Puchers Inszenierung des Königsdramas Richard III jedoch könnte einige Gemüter besänftigen. Einen wie König Richard III hätte das Schauspielhaus insgesamt brauchen können, einen Mann, der auf Teufel komm raus überredet und verführt: Richard, dieser "bloody dog" aus dem Hause York, der grausamste Herscher während der Rosenkriege. Einen "Dreckskerl" nennt er sich selber in der Übersetzung von Thomas Brasch. Er spielt mit den anderen, die selber zwar ihre Intrigen spinnen, aber nicht so weit gehen wollen wie er. Die Königswitwe Elisabeth (Olivia Grigolli) kriegt er ebenso herum wie zuvor Anne (Jule Böwe), die seine Frau wird. Ob Hastings (Peter Brombacher) oder zum Schluss der heimtückische Buckingham (Jean-Pierre Cornu): Sie scheitern an seinen tödlichen Forderungen.


Lässiger Virtuose

Mit einer geradezu nachlässigen Virtuosität und einem nur gelegentlich angedeuteten Buckel wird dieser Richard von Robert Hunger-Bühler verkörpert: Er zieht keine hässliche, keine rhetorische Nummer auf. Die Geheimwaffe dieses Intriganten ist seine unheimliche Präsenz: Er mischt sich überall ein, beschwätzt die anderen und vermischt dabei Wahres mit Falschem. Die Treue, die in diesem Stück so häufig gebrochen wird, beschwört er ständig. Und dieses Spiel mit dem wankenden Vertrauen, mit der Verlogenheit, der Doppelbödigkeit, überträgt sich auf das ganze Stück, auf die ganze Inszenierung von Stefan Pucher.

Pucher paraphrasiert Shakespeare parallel zu Richards Machenschaften. Mal wird vom Ensemble ein Beatles-Song intoniert ("Her Majesty is a pretty nice girl"), mal treten die Bühnenarbeiter auf und beginnen abzuräumen. Schließlich wird man allmählich beim Auftritt Richmonds gewahr, dass er Playback spricht. Das ist witzig gemacht, es verfremdet - und ist gleichzeitig auch eine Reminiszenz an Christoph Marthaler, dessen Stil Pucher hier gleichfalls paraphrasiert.

Barbara Ehnes hat einen eher bieder tapezierten Raum gestaltet, Silvia Hasenclever die modernen Kostüme dazu, und ganz selbstverständlich werden hier Elemente aus der gemütlichen Moderne mit solchen aus dem ritterlichen Spätmittelalter gemixt.

Ähnliches kennt man aus Zürich bereits. Vielleicht ist das Ganze ein ironischer Kompromiss inmitten des Zürcher Theaterstreits: Zum einen ein Zugeständnis an die Klassikerverehrung eines traditionelleren Publikums, zum anderen an den neuen Weg des Zürcher Schauspielhauses. Aber diese Verbindung gelingt, weil Pucher doch stets die Geschichte um seine Hauptgestalt im Auge behält und am Rad genüsslich weiterdreht - und auch, weil er über ein exzellentes Ensemble verfügt. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.10.2002)

Von Thomas Meyer
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