Von Zwetschkenbaronen und anderen Gosponen

29. Oktober 2002, 19:05
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Weibels Neue Galerie sucht nach "Balkanien", der Kunstverein "rotor" öffnet sein "Balkan-Konsulat"

Der White Cube als Basar: "In Search of Balkania" begibt sich Peter Weibels Grazer Neue Galerie. Der Kunstverein "rotor" wiederum öffnet im Rahmen des "steirischen herbstes" sein "Balkan-Konsulat" - mit der ersten Station Belgrad.


Graz - Die Neue Galerie in Graz sucht nach "Balkanien" und findet dabei nicht viel Neues. Unter Nationalisten, auch südosteuropäischen, stand eines nie in Zweifel: Fortschrittlich bewärmt schwimmt sich's nur im eigenen Saft. Der Rest jenseits des Tellerrands ist kulturlos und barbarisch, dem Mittelalter näher als der Neuzeit, "Balkan" mit einem Wort, und thermodynamisch bisweilen das mit ihm assoziierte Vokabular: Vom "Pulverfass", "Hexenkessel" oder "Brandherd" war lang die Rede, vom "Brutnest" aller Katastrophen.

Bevor die richtig losbrachen, 1909, eröffneten sich dem westlichen Abenteurer Gino Bertolini gar idyllische Szenerien auf seiner Reise durch die karstige Landschaft. Am mildesten fiel sein Urteil aus, wo Infiltration die Rückständigkeit von Land und Leuten reduzierte: Im liebenswürdigen Betragen der Bewohner Istriens erkannte der Italiener gleich die letzte Ausgeburt der venezianischen Volksseele des 18. Jahrhunderts.

Keines der althergebrachten Ressentiments ist heute überwunden, der Balkan, mit Slavoj Zizek, "also immer der Andere" geblieben und die Zeit somit gekommen, die Metaphorik seines Namens einmal gründlich zu entlarven. Solch redlich Bemühen an die Fahnen geheftet, öffnet die Neue Galerie ihre Tore für die Leute von dort unten und ist froh, wenn der angeschleppte Tross auch taugt, die dem eigenen Fernblick verdankten Bilder zu bestätigen.

Westlich gekalkter White Cube ist fortan Basar, lärmend bunt gemischt die ihm entsprechende Ästhetik, apokalyptisch nicht selten die Logik der Zusammenschau. Einer Heterotopie des Plunders schreitet man entgegen, breitet aus, was lebenslang geübter Sammeltrieb an Fundstücken hinterließ, damit sich Geschichte erkläre. Vieles wird am Boden feilgeboten, und wo sich das Gezeigte nicht schon selbst vielteilig gestaltet, hat kuratorische Sachwaltung nachgeholfen, den Eindruck banalisierender Häufung zu bewahren. Wenn die auch das Einzelwerk entstellt, wen kümmert es, geht's hier doch um Fülle.

Gesungen wird vom brennenden Balkan, abgerechnet nebenan mit allem Totalitarismus, Tito demontiert, Ceau¸sescu vis-à-vis, Enver Hoxhas freilich ebenso. Nicht überall gelingt das feinsinnig, doch spröde Dokumentation mag auch ihre Reize haben. Vielleicht findet sich ja wer, der leicht zu unterhalten ist. Auch die informative Abteilung über Nikola Teslas Leben und Errungenschaften wird noch so jemand suchen. Wo die Kunst selbst Thema ist, kommt auch der "Westen" ins Visier.

Nicht ohne Witz wird nachgezeichnet und -gemalt, was der an künstlerischen Meilensteinen abwarf, von Jeff Koons und Cindy Sherman borgt man Attitüde. Ansonsten wird Okzidentales kaum berührt. Balkan bleibt Balkan. Ostkunst bleibt Ostkunst. Ob die Affirmation der gängigen Stereotype schon automatisch deren Hinterfragung mit sich bringt, bleibt fraglich. Egal, der Österreicher ist beruhigt: "Mia bleim mia" auf alle Fälle.

Dass es auch anders geht, hat in Graz der Kunstverein "rotor" längst bewiesen. Seit Jahren engagiert, künstlerischen Austausch zwischen Österreich und Südosteuropa zu ermöglichen, lässt dessen künstlerische Leiterin, Margarethe Makovec, kaum ein gutes Haar an Peter Weibels Exotismen. Der unsensible, undifferenzierte Umgang mit dem gezeigten Material schmerzt, das Fehlen jeglicher Thematisierung des Balkanischen am Westen ärgert sie zu Recht.

Und die ihr bekannten Künstler hätten den ewig ihnen aufgepfropften Ostkunst-Kontext sowieso schon satt. Wo der Balkan anfängt, wo er aufhört, wird "rotor" als "Balkan-Konsulat" in den nächsten Monaten neuerlich zu klären suchen, in sieben Städten: Mit Belgrad beginnt die Recherche diesen "steirischen herbst", mit Wien endet sie im November nächsten Jahres. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.10.2002)

Von
Ulrich Tragatschnig

Service

Neue Galerie,
Sackstr. 16,
(0316) 829155,
bis 1. 12.;

rotor,
Belgierg. 8,
(0316) 688306

  • Balkan grüßt Graz: Fotoinstallation von Celac Király Marcu (Mariana Celac, Josif Király, Marcu Lapadat) "Tinseltown 2002", 2000-2002 (Ausschnitt; Courtesy of the artists)
    foto: celac király marcu

    Balkan grüßt Graz: Fotoinstallation von Celac Király Marcu (Mariana Celac, Josif Király, Marcu Lapadat) "Tinseltown 2002", 2000-2002 (Ausschnitt; Courtesy of the artists)

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