"Nicht gesellschaftsfähig"

30. Oktober 2002, 12:12
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Tori Amos, ihr neues Album "Scarlet's Walk" und die Suche nach einem besseren Amerika im langen Schatten des WTC-Terrors

Im langen Schatten der Terroranschläge auf das World Trade Center begibt sich die US-Sängerin Tori Amos mit ihrem neuen Album "Scarlet's Walk" auf die Suche nach einem besseren, gefühlsbetonteren Amerika.


Wien - Wenn Tori Amos über ihr neues Album spricht, wird die tatsächlich gestellte Frage Nebensache. Divenhaft verschränkt sitzt die Sängerin auf dem Sofa, wirft einem vielsagende Blicke zu und flüstert das, was sie einem als Antwort zugesteht, kaum hörbar, dafür von bedeutungsschwangerer Gestik unterstützt in den Raum. Aus diesem Grund müssen Amos' Antworten hier weit gehend aus dem Gedächtnis wiedergegeben werden, da das Aufnahmegerät ihre hingehauchten Sätze nicht mehr wahrnahm.

Teilweise überschreitet Amos' Vortrag die Grenze zum esoterischen Kauderwelsch. Dann erzählt sie von alten Indianern, die ihr Weisheiten mitteilen, und leitet von dort direkt auf den 11. September über. Dieses Schlüsseldatum der amerikanischen Geschichte ist der Ausgangspunkt für Scarlet's Walk.

Für dieses eben erschienene Konzeptalbum hat Amos die Figur der Scarlet erfunden, "deren Wesen", wie Amos wenig überraschend zugibt, "weit gehend deckungsgleich mit mir selbst ist".

Die große Wunde

Scarlet wird auf eine Reise quer durch Amerika geschickt. Einmal durchlebt sie das Schicksal einer billigen Prostituierten in Los Angeles, die vor dem Scherbenhaufen ihrer Hollywoodfantasien steht, ein anderes Mal findet sie sich in Tucson, Arizona, oder eben in New York, der Stadt mit der großen Wunde, wieder.

Ihre Wege kreuzen Native Americans und andere, von der amerikanischen Gesellschaft an den Rand gedrängte Existenzen. Was fasziniert sie an Charakteren wie Amber Waves? "Waves ist ein Charakter aus dem Film Boogie Nights, der in der Pornofilmindustrie spielt. Das repräsentiert die Verlogenheit der amerikanischen Gesellschaft recht gut. Einerseits ist Waves jemand, der versucht, nach den Regeln zu leben, nach oben zu kommen, andererseits ist sie wegen ihrer Arbeit nicht gesellschaftsfähig. Ein amerikanisches Schicksal."

Aufgrund des Themenbogens auf Scarlet's Walk liegen patriotisch genährte Gefühle als Antrieb zu Amos jüngstem Werk nahe. Auch wenn klar ist, dass Amos als bekannt kritische Künstlerin, deren Sicht auf ihre Heimat durch den Umstand, dass sie in England lebt, geschärft ist, nicht den Patriotismus eines George W. Bush meint.

Amos: "Ich liebe dieses Land, aber es weist ein großes Defizit an Spiritualität und Gefühl auf. Das sind Dinge, die nicht durch wirtschaftlichen Erfolg entstehen. Dinge, denen sich das Land durch einen verantwortungslosen Umgang mit der eigenen Geschichte und den Lobbyismus, der heute die Politik ersetzt, selbst verbaut. Das medial präsentierte Amerika macht es einem sehr schwer, es zu mögen. Aber ich habe Hoffnung, dass die Generation, die heute gegen diese Umstände, gegen Globalisierung und Krieg auftritt und die in 20 Jahren das Sagen haben wird, manches besser machen kann."

Diese Hoffnung vertont Amos im Midtempo. Ein Song, Wednesday, wirkt zart countryfiziert, der Rest entlädt sich in atmosphärisch dichten Songs, die die von Amos anvisierten Stimmungen und Themen präzise erfassen. Ein schönes Album, auch wenn man sich angesichts der Inhalte stellenweise eine härtere Gangart wünschen würde. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.10.2002)

Von Karl Fluch

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ToriAmos.com

Service

Tori Amos wird am 30. Jänner im Wiener Gasometer gastieren. Karten sind bei ÖsterreichTicket erhältlich (oeticket.com bzw. 01/96096)

  • Pop mit Anspruch, ohne peinlich weltverbesserisch zu wirken: Die US-Sängerin Tori Amos verarbeitet auf dem Album "Scarlet's Walk" ihre Weltsicht unter dem Eindruck der Ereignisse des 11. September 2001
    foto: sony

    Pop mit Anspruch, ohne peinlich weltverbesserisch zu wirken: Die US-Sängerin Tori Amos verarbeitet auf dem Album "Scarlet's Walk" ihre Weltsicht unter dem Eindruck der Ereignisse des 11. September 2001

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