Politschacher auf dem Lerchenberg

30. Oktober 2002, 10:23
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Beim ZDF wird eifrig um Posten gerungen - Wie der ORF will auch die deutsche TV-Anstalt mit Programmreform junge Zuschauer anlocken

Thomas Gottschalk will vor der ZDF-Zentrale auf dem Mainzer Lerchenberg demonstrieren: Der Moderator muss aber keine verlorene Wettschuld aus seiner ZDF-Sendung "Wetten, dass...?" einlösen. Gottschalk hatte angekündigt, er wolle sich für Hans Janke als Programmchef einsetzen. "Wenn Janke aufgrund politischer Farbenspielereien aus dem Job gekickt werden sollte, hielte ich das für eine Sauerei und werde mich gegebenenfalls persönlich mit einem Pappschild auf dem Lerchenberg aufbauen, um gegen eine solche politische Einflussnahme auf den Sender zu protestieren."

Die Wahl Jankes ist im ersten Anlauf gescheitert, sodass am 8. November ein neuer Versuch gestartet wird. An der Qualifikation des Vizeprogrammchefs wird auch von konservativen Vertretern im ZDF-Verwaltungsrat nicht gezweifelt, aber sie sind gegen die Kür eines SPD-nahen Kandidaten. Die Begründung von Markus Söder, Vorsitzender der CSU-Medienkommission und ZDF-Fernsehrat: "Der Programmdirektor war immer eine konservative Position, das soll auch so bleiben."

Acht Monate vakant

Der Posten ist nach der Kür des früheren Programmdirektors Markus Schächter zum ZDF-Intendanten seit acht Monaten vakant. Vertagt wurde auch die Entscheidung über die Nachfolge des scheidenden Leiters des "heute-journals", Wolf von Lojewski. Nun soll ein "Personalpaket" geschnürt werden. Damit ist klar, dass die politische Zurückhaltung, die nach dem monatelangen Hickhack der Parteien vor der Bestellung des ZDF-Intendanten gelobt wurde, Makulatur ist.

Nicht nur der Politschacher beim ZDF löst einen Déjà-vu-Effekt für Österreicher aus. Wie der ORF will auch das ZDF das Programm für jüngere Zuschauergruppen attraktiver machen und das Informationsprofil schärfen. Der Weg ist jedoch ein anderer: Das ZDF will mehr Dokumentationen an attraktiveren Sendeplätzen, etwa am Dienstagabend, ausstrahlen und am Samstagabend ein Comedy-Programm senden. Samstagnachmittag wird es Programm für junge Zuschauer geben. Die Reform wird ab 1. Jänner nächsten Jahres umgesetzt. Schächter kündigte gleichzeitig Einsparungen von rund 50 Millionen Euro bei einem Jahresetat von 1,8 Milliarden Euro an. Vor allem bei teuren Sportübertragungen soll gespart werden.

Weit reichende Entscheidungen hängen aber vom Programmdirektor ab, der ein Drittel des Budgets verantwortet. Janke rechnet sich aber auch im zweiten Anlauf keine Chancen aus – den Sympathiekundgebungen von Gottschalk & Co. zum Trotz. Ausgerechnet der konservative Intendant der ARD-Anstalt Südwestrundfunk, Peter Voß, bietet Janke als Fernsehdirektor einen neuen Job an. (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD, Printausgabe vom 30.10.2002)

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