"Der wirkliche Sieger ist Brasilien"

29. Oktober 2002, 11:32
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Paris/Den Haag/Barcelona/Basel/Wien - Zum Ausgang der brasilianischen Präsidentenwahlen schreibt die linksliberale Tageszeitung "Liberation" (Paris) am Dienstag: "Die Wahl Lulas ist Symbol eines demokratischen Sieges in diesem großen Land, das lange durch kommunistische oder militärische Diktaturen geknebelt war. Man darf begrüßen, dass in der viertgrößten Demokratie der Welt und dem größten Land Südamerikas ein friedlicher Übergang zu einer Regierung gelingt, die die schreienden sozialen Ungerechtigkeiten bekämpfen will, ebenso wie die Armut, die Korruption und die Auswüchse einer ultraliberalen Wirtschaftspolitik. Lulas Wahl ist auch das Symbol der Veränderung des südamerikanischen Kontinents, um die Schatten der Diktatur zu vertreiben."

"Le Figaro" (Paris), konservativ: "Der wirkliche Sieger der Präsidentenwahl Brasiliens ist nicht so sehr der erfolgreiche Kandidat als vielmehr sein Land. Zunächst, weil dort ein demokratischer Wechsel stattfand. Seit 17 Jahren ist es das erste Mal, dass sich eine solche Alternative durchsetzt. Über Lula da Silva verbreiten sich bereits Legenden, doch sein Aufstieg zur Macht hat diese Legendenbildung und diesen Heldenkult nicht nötig. Der neue Präsident ist ein erprobter politischer Kämpfer, der Wahlsiege wie Niederlagen, Verhandlungen und Kompromisse gewöhnt ist. Dieses neues Amt ist zweifellos seine Chance, ebenso wie die seines Landes."

"De Volkskrant" (Den Haag), sozialdemokratisch: "Brasilien hat jetzt als erstes Land (Südamerikas) mit dem früheren Metallarbeiter Lula den Weg nach links eingeschlagen, auch wenn der neue Präsident mit Nachdruck erklärt hat, dass links für ihn nicht die Rückkehr zu Dogmen von früher bedeutet. Der unerfahrene Präsident steht vor der schwierigen Aufgabe, den Wohlstand ehrlicher zu verteilen, ohne dass er die Ergebnisse der Politik von (Ex-Präsident) Cardoso zunichte macht. Die finanziell-ökonomischen Verhältnisse geben ihm dabei wenig Spielraum, und die Elite steht auch nicht auf seiner Seite. Dies ändert aber alles nichts daran, dass Lulas Wahlsieg zeigt, wie gut die Demokratie inzwischen in Brasilien verankert ist."

"La Vanguardia" (Barcelona): "Kaum eine andere Wahl hat jemals so viele Erwartungen geweckt und zugleich eine solche Skepsis hervorgerufen wie die des Sozialisten Luiz Inacio Lula da Silva zum neuen Präsidenten in Brasilien. Außerhalb Brasiliens ist man alarmiert und befürchtet, dass der Führer der Linken sich in eine populistische Politik verstricken und Brasiliens internationale Verpflichtungen vernachlässigen könnte. Lula ließ nach seinem Wahlsieg durchblicken, dass er nicht zu billiger Demagogie greifen wird. Er will aber auch sein eigentliches Ziel, die Ungerechtigkeit in Brasilien abzubauen, nicht vergessen. Wenn ihm dies gelingt, ebnet er einen neuen Weg für ganz Lateinamerika."

"Basler Zeitung": "Brasilien, ein Land mit Putschtradition und grassierender Korruption, erteilte dem lateinamerikanischen Halbkontinent eine längst fällige demokratische Lektion. Es wählte in sauberen Wahlen einen Linken aus der Unterschicht, ohne dass der jungen Demokratie dadurch irgendwelche Belastungsproben erwachsen. (...) Aus der Reihe der Kandidaten siebten die Wähler für die Stichwahl die zwei seriösesten und fähigsten Köpfe heraus: Lula und seinen sozialdemokratischen Herausforderer Jose Serra. Die Populisten schickte das Volk allesamt nach Hause. Das stimmt umso optimistischer, weil Lulas Sieg identische Frustrationen zu Grunde liegen, die in Lateinamerika schnell in den Neopopulismus münden und schließlich in Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit und darniederliegenden Volkswirtschaften enden: die Enttäuschung über das Triumphjahrzehnt des Neoliberalismus, der die Reichen des Subkontinents reicher machte, die Armen hingegen zahlreicher." (APA/dpa)

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