Wehrmachtsdeserteure gedenken Opfern der NS-Militärjustiz im Wiener Donaupark

29. Oktober 2002, 11:17
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Wo sich heute eine Parklandschaft ausbreitet, starben zwischen 1940 und 1945 hunderte "ungehorsame Soldaten"

Wien- Wo sich heute eine wohl gepflegte Parklandschaft ausbreitet, starben zwischen 1940 und 1945 hunderte Wehrmachtsdeserteure, "ungehorsame Soldaten", im Kugelhagel von Erschießungskommandos. Im Wiener Donaupark erinnert nur mehr eine kleine Tafel an den ehemaligen "Militärschießplatz Kagran". Am Donnerstag, 31.10., gedenken dort überlebende Wehrmachtsdeserteure der Opfer der NS-Militärjustiz. Gefordert wird eine umfassende Rehabilitierung.

Die Gedenkveranstaltung ist die erste dieser Art seit 1945. Ein Personenkomitee, dem neben ehemaligen Deserteuren auch Schriftsteller wie Johannes Mario Simmel angehören, lädt zur Teilnahme ein.

Kritik an Versäumnissen

Die Wehrmachtsdeserteure Hugo Pepper und Leopold Engleitner werden in kurzen Ansprachen auf das Schicksal jener Männer hinweisen, die wegen Wehrkraftzersetzung, Kriegsdienstverweigerung, Fahnenflucht oder Selbstverstümmelung zum Tode verurteilt und in Kagran hingerichtet wurden. Dabei dürfte es auch heftige Kritik für den Umgang der Zweiten Republik mit den Opfern der NS-Militärjustiz geben.

In einem Forderungspapier des kürzlich gegründeten Personenkomitees "Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz", heißt es: "Während ehemalige Nationalsozialisten rasch in die Zweite Republik integriert wurden, hat Österreich gerade jenen eine Rehabilitierung versagt, die nicht bereit waren, für das Terrorregime des Nationalsozialismus zu kämpfen." Der Sprecher des Komitees und ehemalige Deserteur Richard Wadani: "Die Urteile der NS-Blutrichter sind bis heute nicht aufgehoben und die Strafen der NS-Militärjustiz wirken bis heute in die Gesetzgebung nach."

Rehabilitierung gefordert

Das Personenkomitee verlangt daher eine "umfassende Rehabilitierung". Neben der Urteilsaufhebung sollen die KZ-Haftzeiten für Desertion in der gesetzlichen Pensionsversicherung zumindest als Ersatzzeiten anerkannt werden. Zudem wird die Aufnahme der Militärjustizopfer in das Versorgungs- und Entschädigungsrecht gefordert. Die Anliegen werden u.a. von den Grün-Abgeordneten Terezija Stoisits und Karl Öllinger, zahlreichen Autoren (u.a. Erich Hackl und Barbara Frischmuth), Leon Zelman, dem Bund sozialdemokratischer Freiheitskämpfer und Historikern (u.a. Gerhard Botz, Wolfgang Neugebauer) unterstützt.

Buch über den "Militärschießplatz Kagran"

Wie die Geschichte der "ungehorsamen Soldaten" in Österreich - anders als in Deutschland - erst seit wenigen Jahren geschrieben wird, fehlten bislang auch Publikationen über den "Militärschießplatz Kagran". Diese Lücke schließt nun Herbert Exenberger vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW), der auch bei der Gedenkveranstaltung sprechen wird. Gemeinsam mit Heinz Riedel recherchierte er die Fakten zur Hinrichtungsstätte. Bisher konnte er die biographischen Daten von 129 erschossene Personen eruieren.

Die meisten der Männer waren wegen Hochverrat, Wehrkraftzersetzung und Desertion zum Tode verurteilt worden. Ein Wehrmachtspfarrer zählte laut Exenberger allein zwischen 1940 und 1943 insgesamt mehr als 1.000 Hinrichtungen von Soldaten. In Kagran wurden aber auch Homosexuelle aus den Reihen der Wiener Polizei hingerichtet, erklärt der Mitarbeiter des DÖW.

Chronologie

Exenberger listet eine penible Chronologie der Erschießungen auf. Unter dem Datum 31.10.1944 etwa findet sich dort der Tod der beiden Wiener Feuerwehrleute Johann Zak und Hermann Plackholm, die Geld für die Angehörigen hingerichteter Widerstandskämpfer gesammelt und Schriften gegen das NS-Regime verbreitet hatten. Bemerkenswert ist der Bericht über die Weigerung eines Soldaten, an einem Erschießungskommando teilzunehmen. Sie bleibt weitgehend folgenlos. Das gründlich recherchierte Buch mit Augenzeugenberichten und Auszügen aus Briefen der Verurteilten ist ein wertvoller Beitrag zur Geschichte der NS-Militärjustiz und ihrer barbarischen Praxis. (APA)

Gedenkveranstaltung und Kranzniederlegung für die Opfer der NS-Militärjustiz, 31.10., 11.00 Uhr, Gedenkstein im Donaupark, Arbeiterstrandbadstr. 126,1220 Wien.

Herbert Exenberger, Heinz Riedel: "Militärschießplatz Kagran"
mit einem Beitrag von Maria Fritsche, Schriftenreihe des Dokumentationsarchives des österreichischen Widerstandes, erscheint im Jänner 2003

DÖW
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