Ach, der Jamie Oliver hat ja soo recht

30. Oktober 2002, 14:19
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Was mag den Zauber des jungen britischen Fernsehkochs wohl ausmachen? Seine Handfertigkeit -­ äh, nein.

"Du, ich hab da jetzt einmal was ausprobiert von diesem Jamie Oliver, du, das ist voll ur super geworden."
"Was hast denn ausprobiert?"
"So ein Brathendl mit Rosmarin, irrsinnig gut, sag ich dir!"
"Aha, ein Brathendl also. Hast vorher auch schon einmal was aus einem Kochbuch gemacht?"
"Nein, aber du, das ist beim Jamie Oliver einfach alles irgendwie viel lässiger, richtig cool sozusagen."
"Verstehe, cool ..."
Es gibt mehrere Möglichkeiten, das Phänomen Jamie Oliver erklären zu versuchen. Beginnen wir mit seinen Kreationen, und was sie wert sind. Okay, lassen wir das lieber mal, weil Jamie hat sicher eine Menge Anwälte, und ein Sandwich mit ein bisschen Beiried, Senf, Paradeisern und Rucola kann ja zur rechten Zeit am rechten Ort wirklich was sehr, sehr Schönes sein. Oder Chili con carne, eh super! Und dass ein Essen fein werden kann, wenn man viel Knoblauch nimmt, relativ viel Zitrone, Olivenöl und vor allem mit Meersalz nicht spart, ja, das hat sicher irgendwer vorher auch noch nicht gewusst. Und vielleicht verrät er in einer seiner Sendungen ja sogar einmal, wo er seine Kräuteln und sein Gemüse einkauft, das nämlich schon gewaschen, zugeputzt und von etwaigen gammeligen Stengeln völlig verschont ist, sodass man nur mit einem kurzen Hieb des scharfen Messers das Gummiringerl entfernen muss und das Grünzeug aus möglichst weiter Entfernung in den Topf/die Schüssel/das Brot oder sonstwohin werfen kann (auch den selbstreinigenden Hackstock hätt ich gerne). Und natürlich "hey, das pfeift! Kochen macht echt total viel Spaß, hey" sagen nicht vergessen, weil dann wird's sicher besonders fein.

Aber wollen wir nicht ungerecht sein: In einem Land, in dem Spaghetti in erster Linie in der Form bekann sind, dass man sie breiig kocht und dann mit fertiger Paradeissauce auf Toast pappt, macht die Erkenntnis, das Pasta bissfest gekocht werden kann und mit ein bisschen Olivenöl und Knoblauch eine nettes einfaches Gericht darstellt, natürlich einigermaßen Wind. Aber hierzulande, einem Nachbarland von Italien? Also bitte!

Okay, also muss ein anderers Erklärungsmodell für Jamies Faszination her und das lautet: Her mit den kleinen Engländern! Harry Potter, Bro'Sis (Engländer?) und eben Jamie Oliver ­ juvenile Briten scheinen in vielen Menschen da so eine Art speziell anglophiles Kindchenschema anzusprechen. Dann sieht der Knabe (dabei, so jung ist der gar nicht mehr) auch noch so typisch Schwiegersohn-artig aus, ein bisserl zerrupft halt, aber sonst ganz bezaubernd, und seine Freundin hat er nicht zuletzt auch noch ganz toll lieb. Na ja, und dass das dem Absatz von Kochbüchern insgesamt nicht abträglich ist, kann man sich dann schon denken. An seiner Kochkunst liegt's jedenfalls nicht, wage ich zu behaupten.
Von Florian Holzer
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