USA fordern Informationen über Gas

29. Oktober 2002, 06:56
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108 der 117 getöteten Geiseln identifiziert, 45 der befreiten in kritischem Zustand

Moskau - Die USA haben von Russland nach Angaben aus Kreisen des US-Außenministeriums Auskunft über den Gas-Einsatz zur Beendigung des Geiseldramas in Moskau verlangt. Die USA hätten Russland aufgefordert, Angaben zur Art des Gases zu machen, hieß es am Montag. Zugleich zeigten die USA Verständnis für das Vorgehen Russlands zur Befreiung der mehr als 700 Geiseln unter Einsatz von Gas. Dabei waren am Samstag mehr als 100 Geiseln ums Leben gekommen.

Die russischen Justizbehörden haben bis Montagabend fast alle Todesopfer der Moskauer Geiselnahme identifiziert. Bei mindestens 108 der 117 getöteten Geiseln sei bisher die Identifikation gelungen, sagte Staatsanwalt Michail Awdjukow laut Nachrichtenagentur Interfax. Es sei möglich, dass die Zahl der Toten weiter ansteige, fügte der Staatsanwalt hinzu. 45 der befreiten Geiseln seien in einem kritischen Zustand.

"Schwieriges Dilemma"

Nach Meinung des Präsidenten seien die Schuldigen die Terroristen, sagte US-Präsidialamtssprecher Ari Fleischer. Der Sprecher des US-Außenministeriums Richard Boucher sagte: "Die russische Regierung stand vor einem schwierigen Dilemma wegen dieser grausamen terroristischen Handlung." Es habe keinen einfachen Ausweg gegeben.

Der Münchner Toxikologe Thomas Zilker, der zwei deutsche Geiseln behandelt, sagte, bei dem Gas habe es sich möglicherweise um eine Abwandlung von Chloroform, ein Narkosegas, gehandelt. Die Verwendung von Kampfgas sei ausgeschlossen. Peter Hutton von der britischen Anästhesie-Vereinigung sagte hingegen, er kenne kein Narkosegas, das in der in Moskau eingesetzten Art und Weise wirke. "Es handelt sich mit Sicherheit um etwas, das nur vom Militär entwickelt, besessen und angewendet werden kann", sagte der Mediziner.

Diese Theorie wurde auch vom russischen Chemiewaffenexperten Lew Fjodorow unterstützt. Das Gas sei vermutlich zum Einsatz gegen gesunde Soldaten entwickelt worden und nicht gegen Zivilisten, unter ihnen Schwangere und Kinder. Zudem sei es offenbar zu hoch dosiert worden. Nach Fjodorows Auffassung hätten Opfer vermieden werden können, wenn den Geiseln sofort ein Gegenmittel verabreicht worden wäre. Der britische Sicherheitsexperte Michael Yardley vermutete, bei dem Gas habe es sich um geruchloses und unsichtbares BZ-Gas gehandelt, das auf das Nervensystem wirkt und all die Symptome auslöst, die auch bei den Geiseln festgestellt wurden.

Verhandlungen abgelehnt

Nach Angaben des Chefs der Moskauer Gesundheitsbehörde, Andrej Selzowski, kamen nur zwei der Geiseln durch Schüsse ums Leben - eine Frau war zu Beginn der Geiselnahme von den Tätern erschossen worden, eine Person starb durch Schüsse bei der Befreiungsaktion. Ein behandelnder Arzt in Moskau kritisierte, die Krankenhäuser seien nur mangelhaft auf die Behandlung der Geiseln vorbereitet worden. Die Geiseln seien an ihrem Erbrochenen oder ihrer eigenen Zunge erstickt oder an Herzstillstand gestorben. Die russischen Behörden machten bisher keine Angaben zu der Art des Gases.

Der russische Präsident Wladimir Putin lehnte es unterdessen ab, mit tschetschenischen Separatisten zu verhandeln. Russland werde keine "Geschäfte mit Terroristen" machen, sagte Putin vor Ministern am Montag, dem landesweiten Trauertag für die getöteten Geiseln. Zugleich kündigte er an, dass Russland in angemessener Form reagieren werde, wenn es mit Massenvernichtungswaffen bedroht werde. Am Rande einer Tschetschenien-Konferenz in Kopenhagen ließ der Präsident Tschetscheniens, Aslan Maschadow, Putin erneut Gespräche ohne Vorbedingungen über die Zukunft der russischen Republik anbieten. Solche Angebote hat Russland schon in den vergangenen Jahren immer wieder abgelehnt.

Am Ort des Geiseldramas, dem Musical-Theater in Moskau, legten Menschen Blumen in Gedenken an die 117 getöteten Geiseln nieder. Zum Zeichen der Trauer wurden die Fahnen landesweit auf halbmast gesetzt. In der Zehn-Millionen-Stadt Moskau wurden alle Unterhaltungsveranstaltungen abgesagt, darunter auch das für Mittwoch geplante Champions-League-Spiel zwischen Spartak Moskau und dem FC Basel. (APA/Reuters)

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