Ist er jetzt wieder da?

28. Oktober 2002, 20:33
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Mathias Reichhold ist im Krankenhaus. Wo ist Jörg Haider? - Von Hans Rauscher

Mathias Reichhold ist im Krankenhaus. Wo ist Jörg Haider? Eigentlich wäre jetzt der Moment für eine kraftvolle Geste des De-facto-FPÖ-Chefs. Da der Pro-forma-Parteichef Reichhold vom Stress und einer übertauchten Angina gefällt wurde, müsste jetzt ein Mann, dem an seinem Lebenswerk liegt, in die Bresche springen und sich mit einer mitreißenden Anstrengung total im Wahlkampf engagieren, um sich als die wahre Kraft der FPÖ zu beweisen. Auch verdüstert sich die Wirtschaftslage laufend. So würde ein besseres Umfeld für einen "Retter des kleinen Mannes" geschaffen.

Vielleicht. Vielleicht ist er wieder da, und vielleicht gelingt ihm auch mit der FPÖ ein gewisses Comeback. Dennoch sei hier die Prognose gewagt, dass man von Haider als entscheidender politischer Kraft Abschied nehmen kann.

Ursprünglich ging man davon aus, dass Haider erst nach der zu erwartenden Niederlage der FPÖ die Partie wieder offiziell übernehmen wird. Reichholds Ausfall gibt ihm die Chance, seine alte Magie auszuprobieren. Er kann die katastrophale Situation der FPÖ etwas verbessern, sodass sich eine Mehrheit mit der VP wieder ausgeht.

Er kann durch sein Verhalten anderen Parteien Stimmen wegnehmen (oder auch bringen). Es kann sogar sein, dass eine verblendete ÖVP mit seiner FPÖ noch einmal eine Koalition eingeht, um den Kanzler zu erhalten (und sich dabei einredet, dass Haider mit der FPÖ gar nichts zu tun hat). Aber diese Wiederholung eines gescheiterten Experiments wird abermals schief gehen.

Die Frage ist, ob Haider wieder an die großen alten Zeiten anschließen kann. Er machte in den letzten Jahren zwei entscheidende Fehler: Zum einen ging er zu früh in eine Regierung. Der in Sachen kalten Machtkalküls unheimlich klarsichtige Hans Dichand hat es einmal gesagt: Haider hätte noch eine Wahl abwarten sollen, dann wäre er Nr. 1 gewesen. Aber er ließ die FPÖ als Juniorpartner in die Regierung einziehen. Aber statt da wenigstens das Beste daraus zu machen, zertrümmerte er Regierung und Partei von außen.

Am schlimmsten aber war, dass er sich selbst lächerlich machte: mit der grotesken Audienz bei Saddam Hussein; und mit seinem "Ich bin schon weg - ich bin wieder da - schon wieder weg".

War also Haider niemals gefährlich, wie seine Verharmloser sagten? Hat ihn Schüssel durch die Hereinnahme in die Regierung doch "gezähmt"? Frage Nr. 2 ist nur dann mit Ja zu beantworten, wenn man unterstellt, dass Schüssel mit seinem neuen Partner und seinem "neuen Regieren" nach zweieinhalb Jahren scheitern wollte; und wenn Schüssel nach dem 24. November Kanzler bleibt.

Zur Frage Nr. 1: Ein Mann mit seinem antidemokratischen Instinkten, mit seinem Verhaftetsein im NS-Gedankengut, der 27 Prozent der Wähler hinter sich bringt, ist demokratiegefährdend per se. Dass Haider zwar vom Einsperren politischer Gegner sprach, diesen innigen Wunsch im Gegensatz zu historischen Vorbildern aber nicht umsetzen konnte, liegt an den anderen Umständen (u. a. der EU) und daran, dass ihm der absolute Macht- und Vernichtungswille fehlt. Es fehlt ihm auch die machiavellistische Schläue eines Berlusconi (Schüssels guter Freund: "Forza Wolfgang!"), der gerade die italienische Demokratie Stück für Stück demontiert, während Europa zusieht.

Was allerdings von ihm bleibt, ist der real existierende Haiderismus. Er hat die gesellschaftliche Atmosphäre nachhaltig vergiftet. Damit werden wir uns noch lange auseinander setzen müssen, selbst wenn die große Zeit des Politikers Haider doch vorbei ist. hans.rauscher@derStandard.at (DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2002)

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