Mit gleichen Mitteln

28. Oktober 2002, 20:15
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Russland wird auf terroristische Angriffe "mit gleichen Mitteln antworten" - von Josef Kirchengast

Es war sicher nicht zynisch gemeint, erhält angesichts der durch Gas getöteten Geiseln aber einen zutiefst zynischen Beigeschmack: Sollte Russland mit Massenvernichtungswaffen bedroht werden, werde es "mit gleichen Mitteln antworten an allen Orten, an denen sich Terroristen, ihre Organisationen, ihre ideellen oder finanziellen Drahtzieher befinden". Das sagte Wladimir Putin am gestrigen nationalen Trauertag.

Angesichts der hohen Intelligenz, die dem russischen Präsidenten allgemein attestiert wird, ist nicht anzunehmen, dass ihm diese Worte unbedacht entschlüpft sind. Er muss also wissen, was sie bedeuten: dass der Zweck jedes Mittel heiligt. Dass also bei einem Einsatz von Massenvernichtungswaffen gegen Terroristen unweigerlich viele Unschuldige getötet würden.

Dies ist genau die Philosophie jener Terroristen, die Putin bekämpfen will. Und es scheint auch die Philosophie jener Leute zu sein, die den Einsatz eines Gases mit unkalkulierbarer Wirkung zur Beendigung des Geiseldramas befohlen haben.

Derselben Denkungsart entspringt die Behauptung, bei den tschetschenischen Separatisten handle es sich samt und sonders um Terroristen. Deshalb wollte Moskau den "Tschetschenischen Weltkongress", der am Montag in Kopenhagen begann, schon vor dem Geiseldrama verhindern, übte starken Druck auf die dänische Regierung aus, die derzeit die EU-Präsidentschaft innehat, und warf ihr sogar Komplizenschaft mit dem Terrorismus vor. Die Dänen blieben standhaft, lassen das Tschetschenen-Treffen wie geplant stattfinden und haben nur den EU-Russland-Gipfel von Kopenhagen nach Brüssel verlegt.

Dort werden die EU-Vertreter den russischen Gästen klar machen müssen, dass weder die Drohung mit Massenvernichtungswaffen noch die Denunzierung eines ganzen Volkes als Terroristen zu den Mitteln gehören, mit denen die zivilisierte Welt den Kampf gegen den Terrorismus zu gewinnen hofft. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2002)

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