Variationen über das Seidenweiche

29. Oktober 2002, 12:43
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Sehr gut und sehr leise: Pianist Piotr Anderszewski im Wiener Konzerthaus

Wien - Kann Kai Pflaume Klavier spielen? Man weiß es nicht. Jedenfalls kann dies Piotr Anderszewski, und zwar sehr gut sogar, des Weiteren ähnelt der Klavierspieler dem beliebten Sat.1-Moderator optisch sehr. Doch nicht nur das: Der junge Pole, 1969 geboren, spielt auch so, wie Pflaume ausschaut, also adrett, lieb, akkurat, auch spitzbübisch, aber alles im schwiegermuttertauglichen Bereich.

Anderszewski musiziert zudem so, wie (hier mutmaßen wir) Edith Klestil wohnt: klassisch, elegant, mit einem Hang zu Dezenz wie auch zu Wohlgeordnetheit - jedes Trillerchen blank poliert wie das Silberschälchen mit den Erdnüsschen drin. Alles andere als Peanuts servierte der Pianist zu Beginn seines Solodebüts, nämlich die "33 Veränderungen C-Dur über einen Walzer von Diabelli" von Ludwig van Beethoven.

Kaum als echtes Spielstück, mehr als lebensabendliche Spielerei erdacht, kann man das einstündige Opus als eine überbordende Leistungsschau des Komponisten beschreiben, mehr kunstvollster Denksport denn geschlossen erfass-und erfühlbares Werk. Doch das mit dem Denksport liegt Anderszewski. Bei aller emotionalen Variabilität und Profiliertheit im Spiel des Polen kam man nicht umhin, auch eine gewisse Kopflastigkeit zu diagnostizieren:

Zuerst analysiert und dann das Analysierte präzise gefühlsgefüllt, so in etwa stellte man sich die Werkerarbeitungsvorgehensweise des Künstlers vor. Bei aller Perfektion des Spiels blieb jene der Dramaturgie des Konzertprogramms eine denkbar fehlerhafte. Auf einen konzentrationsaufsaugenden Brocken wie die Diabelli-Variationen größtenteils flötenzarten Bach (dreimal Wohltemperiertes und die erste Partita) folgen zu lassen war schon sehr couragiert. Konzertbesucher aus Fernost (die Reisestrapazen? die Zeitumstellung?) jedenfalls nickten reihenweise weg.

Und spätestens bei der zeitlupenlangsamen, mucksmäuschenleisen Sarabande konnte man das Übermaß an seidenweich-wattigem Pianissimo-Getröpfel kaum mehr aushalten und wünschte sich sehnlichst eine Kurzzeitversetzung ins Rockressort herbei, zwecks psychohygienisch dringend notwendiger Aggressionsentladung bei einem ganz, ganz lauten Konzert. (Von Stefan Ender /DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2002)

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    Piotr Anderszewski: Klavierkonzert 21 & 24, Wolfgang Amadeus Mozart, Virgin 2002

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