Musik für dunkle Räume

29. Oktober 2002, 18:20
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Zum ersten Mal in Österreich: Die britischen Industrial- Elektronik-Väter "Coil"

Wien - Fast 20 Jahre hat es gedauert, bis John Balance und Peter Christopherson ihr Langzeitprojekt Coil endlich mit diversen Gästen so für sie technisch zufrieden stellend präsentieren können, dass man heuer eine Tournee auf die Beine stellte. Coil wurden 1983 vom auch privat liierten Paar als ein Nebenprojekt von Psychic TV gegründet, der Nachfolgeband der berüchtigten und wegweisenden Industrial-Culture-Mitbegründer Throbbing Gristle.

Mit deren Frontmann Genesis P. Orridge sorgten Throbbing Gristle von den frühen 70er-Jahren herauf mit teilweise schockierenden Liveshows nicht nur akustisch mit repetitiven Lärm- oder Ambient-Blöcken für einen wesentlichen Baustein dessen, was heute im Bereich der experimentellen Elektronik als Basismaterial gilt.

Die multimedialen "psychotropischen" Soundstudien drehten sich dann auch später immer wieder um Devianzen und/oder Abhängigkeiten, die vom Individuellen ins Gesellschaftliche gedeutet werden. Kurz, hier wurde mit dem Satanismus eines Aleister Crowley, totalitärer Symbolik, gutem alten, homoerotisch kodiertem Sadomaso-Sex und körperlichen Grenzerfahrungen kurzer Prozess gemacht.

Mit Psychic TV verstieg sich "Mastermind" Genesis P. Orridge (anfangs noch mit Christopherson) dann hin in die sektenähnliche Organisation The Temple Of Psychick Youth. Siehe auch Aleister Crowleys MagickalSociety und, Zitat, die "extremeren Aspekte des tibetanischen Buddhismus". Bis heute gilt dieses Spiel mit übermächtigen Symbolismen noch als zentraler Antriebsmotor. P. Orridge öffnete nach einigen "poppigen" Alben mit Soft-Cell-Sänger Marc Almond die Musik mit "Acid"-Platten zunehmend der aufkommenden Techno-Bewegung, verstieg sich aber bald in endgültige Obskurität.

Christopherson, der in den 70er-Jahren als Mitglied der Grafikdesigner Hypgnosis übrigens auch für legendäre Covermotive von Pink Floyd (Dark Side Of The Moon) oder Led Zeppelin mitverantwortlich zeichnete, verwendete anschließend bei Coil nicht nur als einer der ersten nach handgeklebten Tape-Loops krude PC-Samples und gilt als Pionier auf dem Fairlight-Computer.

Mit Alben wie dem Debüt Scatology (1984) oder ihrer zentralen Arbeit Love's Secret Domain von 1991, die viele spätere Techno-Entwicklungen durchaus auch unter dem Aspekt drogeninduzierter Musik vorwegnahmen, beschäftigte man sich neben harschem Industrial, zeitlupenhaften Orchestersounds und experimenteller Minimal Music schließlich auch zunehmend mit dem Okkulten - und den Irrungen und Wirrungen chemisch veränderten Bewusstseins: A Thousand Lights In A Darkened Room. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2002)

Eine "Lecture" über das Schaffen von Coil steigt am Mittwoch, 20 Uhr, im Museumsquartier
  • Coil
    foto: flyer/flex

    Coil

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