Wie die Ansicht auf die Karten kommt

Dominik Kamalzadeh, 29. Oktober 2002, 18:53
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    foto: viennale

Bady Mincks Film "Im Anfang war der Blick"

Wien - Die Kamera gibt sich als blinzelndes Auge aus und lugt ins Arbeitszimmer des Dichters Bodo Hell. Dort stapeln sich nicht nur die Bücher bis zum Plafond - das hätte man noch durchaus erwartet; er selbst bewegt sich, flink wie ein Wiesel, zwischen Schreib- maschinen und Regalen, blättert nach oder tritt wie Alice durch einen Spiegel.

Die Künstlerin Bady Minck fertigte mit ihrem Film Im Anfang war der Blick, der bei der Viennale seine Uraufführung erlebte, allerdings kein Schriftstellerporträt an. Hell gibt vielmehr eine ruhelose Figur des Wortes, die eine Reise in die Bilder - oder auch hinter die Bilder - antritt. Aus einem Buch wuchert der Erzberg hervor, historische Ansichtskarten dienen daraufhin als Folie der Bewegung.

Zeichnete sich der Beginn von Im Anfang war der Blick bereits durch seinen artifiziellen Blick, die Kombination von Real- und Animationsfilm aus, so ist die Arbeit im Mittelteil technisch noch elaborierter: Eine rhythmische Montage lässt unzählige Postkartenmotive - von der Großglockner Hochalpenstraße, aus der Altstadt von Eisenerz - auf den Betrachter einstürzen, die Hell dann wie reale Szenerien als Wanderer betritt.

In einem weiteren visuell eindrucksvollen (Kamera: Jerzy Palacz, Martin Putz) Schritt werden diese "Ansichten" in die Gegenwart zurückgeblendet, der damalige fotografische Ausschnitt - bei Postkarten oft ein idealisierter - mit dem nunmehrigen überprüft.

Minck geht es mit ihrer Landschaftsanalyse aber nicht nur um die Hinterfragung tradierter Wahrnehmungsmuster, sie legt auch die ökonomischen Bedingungen frei, die zu einem bestimmten Bild der Stadt beigetragen haben. Eisenerz erscheint etwa einmal als Brotleib, der wie ein Vulkan Teigkugeln ausspuckt, aus denen sich dann Häuser zusammensetzen.

Der Dichter und seine Kollegen - Texte von Friederike Mayröcker und Ernst Jandl werden aus dem Off zugeflüstert - können sich trotz solcher Einsichten gegen die Bilderflut nicht behaupten. Ein Ende, das Minck im Grunde vorwegnimmt, erweist sich in Im Anfang war der Blick der Landschaftsdiskurs dem der Worte doch ein wenig überlegen. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2002)

Von Dominik Kamalzadeh


30. 10.
Stadtkino
11 Uhr

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