Ein echter Mann, ehrlich und elastisch

28. Oktober 2002, 19:16
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Ex-Islamist Erdogan ist Favorit bei den türkischen Parlamentswahlen

Nev¸sehir im Oktober - zwölf Uhr mittags. Langsam hat sich die Sonne durch den wolkenverhangenen Himmel gekämpft, doch der Wind pfeift empfindlich kalt über den staubigen Platz im zentralanatolischen Nev¸sehir. Trotz Tausender Menschen, die dicht gedrängt, aber säuberlich zwischen Mann und Frau getrennt stehen, herrscht gespannte Ruhe. Dann endlich bewegt sich etwas: Es ist so weit, Tayyip Erdogan kommt.

Das Warten hat einem alten Mann nichts ausgemacht. Er ist bereits am frühen Morgen aus einem Dorf 30 Kilometer von Nev¸sehir entfernt in die Stadt gekommen, um endlich den Mann live zu erleben, von dem er sich so viel für sich, vor allem aber für die Zukunft seiner Kinder und Enkel verspricht. Bisher kennt er ihn nur aus dem Fernsehen. Doch Kenan Bey, dem die Welt der großen Politik völlig fremd ist, ist sich sicher: Tayyip Erdogan, der große Boss der konservativ-islamischen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AK-Parti), ist ein ehrlicher Mann. Darauf haben sie in seinem Dorf lange gewartet, auf einen ehrlichen Mann.

Seit Jahren sickerten aus dem Fernsehen Nachrichten über Korruption, Zank und Streit in Ankara in Kenans Dorf. Schon lange hat man im Teehaus nur noch mit dem Kopf geschüttelt, wenn es um die Politiker ging. Dann platzte die Blase aus Korruption und Missmanagement, und über Nacht fanden die Leute sich in der größten Wirtschaftskrise seit Ende des Zweiten Weltkriegs wieder.

Der groß gewachsene, immer etwas streng dreinschauende Tayyip Erdogan hat nichts Kumpelhaftes, ist alles andere als ein Händeschüttler, sondern wirkt beim Bad in der Menge eher so, als hätte er am liebsten fünf Meter freien Luftraum um sich.

Das ändert sich allerdings, wenn Tayyip am Rednerpult steht. Einmal in Fahrt, kann er Säle zum Kochen bringen und rhetorische Feuerwerke abbrennen, die ihn bereits mehrfach in Schwierigkeiten gebracht haben. Ein besonders gelungener Auftritt vor ein paar Jahren hat ihn schließlich politisch fast den Kopf gekostet. Weil er der Menge zurief, "die Minarette der Moscheen sind unsere Lanzen, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Armee", wurde er wegen Volksverhetzung verurteilt und musste sein Amt als Oberbürgermeister von Istanbul niederlegen.

Heute hat sich Tayyip besser im Griff. Religion kommt in seiner Rede in Nev¸sehir nicht mehr vor, er spricht darüber, was die Leute unmittelbar bedrückt. Die Dieselpreise, die Subvention für die Landwirtschaft, die Ankara auf Druck des Internationalen Währungsfonds gestrichen hat, die Korruption der politischen Klasse.

"Als ich Oberbürgermeister in Istanbul war, haben wir nur durch die Eindämmung der Korruption zwei Milliarden Dollar im Jahr mehr in der Stadtkasse gehabt." Das ist seine Referenz im Wahlkampf, denn selbst seine Gegner können nicht bestreiten, dass er in den Jahren, in denen er in Istanbul im Amt war, viel für die Stadt getan hat. Deshalb greifen sie ihn als Islamisten an. "Wenn ihr Tayyip wählt", so sein einzig verbliebener ernsthafter Konkurrent Deniz Baykal, "dann droht ein neuer 28. Februar." Der 28. Februar ist das Synonym für die letzte Intervention des türkischen Militärs in die Politik, als sie 1996 den damaligen islamistischen Premier Necmettin Erbakan aus dem Amt drängten.

Seit Tayyip Erdogan nach vier Monaten im Gefängnis vor zwei Jahren wieder die politische Bühne betrat, betont er deshalb, seine islamistische Phase sei vorbei und auch die AK-Parti sei eine rechtsliberal-konservative Partei, in der die Religion lediglich noch Privatsache der Mitglieder sei. Auch außenpolitisch hat Erdogan seine Partei von den islamischen Nachbarn weg, nach Europa ausgerichtet. Gegenüber dem STANDARD sagte er: "Die EU-Mitgliedschaft ist für die Türkei ein überparteiliches Ziel das wir voll unterstützen."

Flexibel

In der Zypernfrage, dem derzeit größten Stolperstein für die Türkei auf dem Weg nach Brüssel, gibt Erdogan sich flexibler als die amtierende Regierung. "Wir sind für das belgische Modell. Ein Staat, zwei gleichberechtigte Volksgruppen."

Menschen, die ihn bereits von klein auf kennen, nehmen ihm seine Wandlung ab. "Elastisch ist schon das richtige Wort. Tayyip ist ein elastischer Mann." Der grauhaarige Seemann Cevat Bey muss es wissen, denn er kennt ihn von klein auf. Intime Kenntnisse über den Mann, der sich gerade anschickt, mit seiner AK-Parti die Parlamentswahlen am kommenden Sonntag haushoch zu gewinnen, sind im Kaffeehaus in Kasimpa¸sa nichts Besonderes.

Hier, im Istanbuler Arme-Leute-Viertel direkt am Goldenen Horn, kennt fast jeder jeden, und Erdogan ist einer von ihnen. "Er ist", versucht Cevat Bay sein Wort vom elastischen Menschen noch einmal zu erläutern, "ein echter, moderner Mann. Er passt sich an, er ist nicht mehr radikal." Soll das etwa eine freundliche Umschreibung für blanken Opportunismus sein? Nein, ganz und gar nicht. "Tayyip", da ist sich die ganze Runde im Kaffehaus völlig einig, "Tayyip ist ein ehrlicher Mann."

Obwohl er sich mittlerweile offen zum säkularen Staat bekennt, darf Erdogan persönlich nicht fürs Parlament kandidieren, entschied ein Gericht mit Verweis auf seine Vorstrafe. Damit kann er selbst nach einem haushohen Sieg seiner AK-Parti nicht Premier werden. Selbst den Vorsitz seiner Partei soll er aufgeben, hat jetzt der Generalstaatsanwalt gefordert, andernfalls will er die gesamte Partei verbieten lassen.

Doch für Erdogan und die Wähler der AK-Parti ist es im Moment nicht so wichtig, wer unter Tayyip Premier wird. Er bleibt der Star der Partei, weil die Leute ihm vertrauen. Denn wie kein anderer türkischer Politiker repräsentiert er die Biografie und gleichzeitig die Hoffnung des zeitgenössischen anatolischen Mannes: geboren in der tiefsten Provinz, fest verwurzelt in einer religiösen Familie, als Kind in die Großstadt geschleppt, weil das Land die Familie nicht mehr ernähren konnte und dann den Aufstieg geschafft. Was Erdogan für die Leute zum Erlöser macht, ist weniger der Islam als sein Bekenntnis zu seiner Herkunft. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.10.2002)

Recep Tayyip Erdogan, ehemals Islamist und 48 Jahre alt, ist seit gut einem Jahr Vorsitzender der neu gegründeten "AK-Parti". Er, der Favorit für die Parlamentswahlen, gehört zu den Politikern, die jeder Türke nur mit Vornamen kennt.

Jürgen Gottschlich aus Istanbul
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    Recep Tayyip Erdogan

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