Seit Wochen Warnungen vor Tschetschenen-Kommandos in Europa

28. Oktober 2002, 17:58
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Terrorismusexperte: Moskauer Geiselnehmer verfügten über Netz von "Schläfern"

Paris/Köln - Den westlichen Geheimdiensten liegen nach Angaben eines französischen Terrorismusexperten seit drei Wochen Warnungen vor tschetschenischen Rebellenkommandos in Europa vor. Zu den Kommandos zählten nach diesen Informationen rund 30 Tschetschenen, sagte der Präsident der Internationalen Beobachtungsstelle für Terrorismus in Paris, Roland Jacquard, am Montag der Nachrichtenagentur AFP. Es bestehe der "starke Verdacht", dass eine Teilgruppe über die Türkei nach Deutschland einreisen wollte. Unklar sei gewesen, ob die Kommandos, die "im Namen von El Kaida" handelten, in Deutschland oder in anderen europäischen Ländern Anschläge verüben wollten.

Sprecher des Bundesverfassungsschutzes in Köln und des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden sagten, derlei Informationen lägen ihnen nicht vor. Aus westlichen Sicherheitskreisen hieß es am Montag allerdings, die Route von Tschetschenien über die Türkei nach Mitteleuropa sei gängig. Überdies habe die Türkei während des Tschetschenienkrieges den Rebellen medizinische Hilfe geleistet. Die von den Geheimdiensten beobachteten Bewegungen sind laut Jacquard "nicht der erste Versuch" tschetschenischer Kommandos, in westliche Länder vorzudringen. Mehrere Versuche seien bereits "gescheitert".

In Bezug auf das Geiseldrama in Moskau geht Jacquard davon aus, dass die Drahtzieher des Überfallkommandos in der russischen Hauptstadt über ein Netz von "Schläfern" verfügt haben. Es sei kaum vorstellbar, wie die Geiselnehmer "mit derartigen Waffen" von der Kaukasusrepublik Tschetschenien 2000 Kilometer weit nach Moskau gelangt wären, ohne bei Sicherheitskontrollen entdeckt zu werden. Jacquard, Verfasser einer Biografie über Osama bin Laden, verwies zudem auf Europol-Warnungen vor Anschlägen, speziell in Deutschland und Frankreich.

Nach Ansicht des SPD-Abgeordneten Gert Weisskirchen sollte sich die internationale Politik stärker in den Tschetschenien-Konflikt einschalten. Der Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sagte in einem Interview der "Frankfurter Rundschau" (Dienstagsausgabe), Russland müsse eine "konstruktive Rolle" der internationalen Staatengemeinschaft jetzt akzeptieren. Bislang sei dies in Moskau abgeblockt worden. Die Staatsmänner, die gut mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin kooperierten, müssten ihm jetzt "klar machen, dass die Zeit für einen politischen Weg gekommen ist".

Der Fernsehsender RTL veröffentlichte am Montag eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa, wonach vier von fünf Deutschen Terroranschläge in Deutschland fürchten. 84 Prozent der Befragten befürchteten einen Anschlag, nur 15 Prozent sähen Deutschland nicht als Zielscheibe des Terrors; ein Prozent hatte dazu keine Meinung.

Zwölf Prozent haben demnach in ihrem täglichen Leben zur Zeit große oder sogar sehr große Angst vor Terroranschlägen. Weitere 40 Prozent gaben an, in ihrem Alltag momentan zumindest etwas Angst zu verspüren. 48 Prozent der Bundesbürger dagegen fühlen sich sicher. Eine deutliche Mehrheit (84 Prozent) geht zudem davon aus, dass die Zahl der Terrorakte weltweit weiter zunehmen wird.(APA)

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