Déjà-vu in Minnesota und ein bedrängter Bruder in Florida

28. Oktober 2002, 17:33
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Vor den US-Wahlen strapaziert der Unfalltod von Senator Paul Wellstone die Nerven der Demokraten. In Florida bangt Präsidentenbruder Jeb um seinen Posten.

Mit dem Unfalltod von Senator Paul Wellstone aus Minnesota hat die US-Linke ihren wichtigsten Advokaten verloren: Der von Freund und Feind geschätzte Ex-Universitätsprofessor, der sich selten ein Blatt vor den Mund nahm, galt als Linksaußen der demokratischen Partei. Während seiner zwölfjährigen Amtszeit gehorchte er fast ausnahmslos nur seinem Gewissen, nicht der Parteilinie - zuletzt mit einem Nein bei der Abstimmung über die Irakresolution.

Die Folgen von Wellstones Flugzeugabsturz, bei dem seine Frau und eine Tochter ebenfalls ums Leben kamen, kommen vielen Amerikanern wie ein zweifaches Déj`a-vu vor: Zum einen erinnert man sich noch an einen ähnlichen Flugzeugunfall des demokratischen Gouverneurs und Senatskandidaten von Missouri, Mel Carnahan, im Jahr 2000. Heute kämpft seine Frau Jean, die damals seinen Senatssitz übernommen hatte, um ihr politisches Überleben.

Und es ist das zweite Mal bei diesen Mid-Term-Elections, dass ein prominenter Politiker für einen Kollegen in die Bresche springt, wie erst vor wenigen Wochen in New Jersey, als der altgediente Senator Frank Lautenberg den durch einen Bestechungsskandal lädierten Robert Toricelli ablöste. Lautenberg liegt in Umfragen weit vor dem republikanischen Widersacher.

Es scheint nahezu sicher, dass der ehemalige Vizepräsident Walter "Fritz" Mondale in letzter Minute in den Wahlkampf einsteigen wird - demokratische Parteispitzen haben den in Minnesota zur Legende gewordenen Politiker offenbar überzeugen können, dass er sich in dieser Situation, da die demokratische Kontrolle des Senats auf dem Spiel steht, dem Ruf der Partei nicht verschließen kann. Noch ehe Mondales Kandidatur überhaupt feststeht, haben ihn die Republikaner heftig ins Visier genommen: "Die Wähler werden sich zwischen der Vergangenheit und der Zukunft zu entscheiden haben", meinte zum Beispiel der Republikaner Bill Walsh aus Minnesota: "Und Mondale gehört eindeutig der Vergangenheit an."

In Florida bangt in der Zwischenzeit Präsidentenbruder Jeb Bush um seinen Gouverneursposten. Derzeit führt er nur mit knapper Mehrheit vor seinem demokratischen Herausforderer, dem 57-jährigen Demokraten Bill McBride, der Exjustizministerin Janet Reno in den Vorwahlen knapp geschlagen hatte. Präsident George Bush hat seit seinem Amtsantritt Florida, wo er 2000 mit knapper, umstrittener Mehrheit und der Hilfe des Obersten Gerichtes das Präsidentenamt erlangte, bereits elfmal besucht, um seinem kleinen Bruder unter die Arme zu greifen.

Sieg gefordert

Die Republikaner in Florida sind sich dessen bewusst, dass man im Weißen Haus einen Sieg von Jeb Bush nicht nur erhofft, sondern fast schon fordert - nicht zuletzt, um im Jahr 2004 einen "sicheren" Sieg für George W. bei den Präsidentschaftswahlen in Florida zu erringen. Auf die Kritik, Jeb Bush nütze seine Stellung als Präsidentenbruder aus, reagiert er lakonisch: Die guten Beziehungen zu Washington hätten den "Floridians" bisher nur genützt.

Auch der Rest der Familie kommt dem bedrängten Jeb zu Hilfe: Vor einigen Tagen legte sich sein Vater, Expräsident George Bush, für seinen Sprössling ins Zeug. Gleich danach reiste die beliebte ehemalige First Lady Barbara Bush nach Florida und beschwor die Frauen, ihren Sohn zu wählen.

Keine Hilfe für ihren Gouverneursvater ist allerdings die 25-jährige Noelle Bush: Sie wurde vor kurzem wurde öffentlich in Handschellen abgeführt, nachdem ein Richter sie wegen unerlaubten Drogenbesitzes zu zehn Tagen Haft verdonnert hatte. Die hat sie mittlerweile abgesessen. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.9.2002)

Susi Schneider aus New York
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    Paul Wellstone, hier bei einem Besuch in Kolumbien, galt als Linksaußen der demokratischen Partei

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    Jeb Bush bangt um um seinen Gouverneursposten

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