Grabsteinland

29. Oktober 2002, 11:33
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A. hatte Falcos Grab noch nie gesehen. Aber dass es eine ästhetische Zumutung ist, erkannte sie dann doch schon von weitem...

Sauf aus Jim, wir gehen. Das stand am Nachbargrabstein. P. fand das cool. Damals. Unendlich cool. Ich war mir da nicht so sicher - aber ich war ja auch nie so ein eingefleischter Fan wie P. Und - wäre es nach mir gegangen - hätten wir uns damals in Paris vermutlich den ganzen Friedhof angeschaut, aber sicher nicht 20 Minuten Andacht vor dem Grab gehalten. Obwohl es schon was hatte, den Hippies zuzusehen, wie sie da um das Grab saßen, einen Joint herumgehen ließen und aus einem kleinen, krächzenden Kassettenrecorder “This is the End” schepperte. Ich war - glaube ich heute - der einzige, der nach oben schaute. Aber es kamen keine Hubschrauber.

Jahre später pilgert man auch in Wien. Falco? Where is? Der italienische Tourist und seine Gruppe hatten sich offensichtlich verlaufen. Und die Romantik des jüdischen Teiles des Zentralfriedhofes war ihnen nicht ganz geheuer. Kein Wunder. Schließlich führt zu Hans Hölzel ein richtig schön ausgewalzter Trampelpfad - im jüdischen Friedhof dagegen ist man allein. Mit der dornröschenhaften Magie eines wildromantischen, versunken-vergessenen Stückes Vergangenheit. Die paar Relikte die hier von touristischen Begehungen zeugen, sind kaum Falco-Fan-kompatibel: Eine Eintrittskarte des Sigmund Freud Museums. Ein Folder des jüdischen Museums. Die Italiener passten nicht hierher. Und wollten darum auch ganz woanders hin. Zum Glück radebrecht A. mehr als bloß passabel italienisch. De Gruppe verschwand wieder - und keiner von ihnen hatte bemerkt, dass sie gerade einen der allerschönsten Plätze Wiens gesehen hatten.

Der prollige Obelisk

A. hatte Falcos Grab noch nie gesehen. Aber dass es eine ästhetische Zumutung ist, erkannte sie dann doch schon von Weitem. Der überheblich-prollige rotbraune Obelisk ragt hoch über die vergleichsweise dezenten Menhire anderer Musiker, Dichter und Künstler hinaus, die hinter der Hecke des kleinen Ehrenhains von der Vergänglichkeit allen menschlichen Ruhmes künden. Doch seine volle Wirkung entfaltet Falcos Zwergenmausoleum erst aus der Nähe: Eine Glaswand steht da. Quer zum Weg, parallel zum Sarg. Eine Haifischflosse der Großkotzigkeit. Ein Torteneck des schlechten Geschmacks. Ein Segel der Vulgarität. Mit einem eingeätzten Bild des Herrn Hölzel. Wie er - Nosferatu gleich - ein Cape um sich wickelt. Vielleicht, meinte A., will er sich ja auch nur dahinter verstecken.

Entlang einer Kante des Panzerglases sind die Titel einiger Hits eingraviert. Als müsste man denen, die hierher kommen erklären, wer Falco war. A. schüttelte sich. Sie sei zwar nie ein großer Fan gewesen, sagte sie dann, aber etwas so würdelos-protziges hätte nicht einmal ein Rainhard Fendrich verdient. Als wir schon halb im Gehen waren, sahen wir dann noch den Sponsorenhinweis. Unten, am Fuß des Obelisken. Idee & Realisation. Ein Geständnis. Leider ohne Telefonnummer oder Mailadresse.

Ich kramte. Obwohl ich ohnehin wusste, dass ich nichts zum Schreiben dabei hatte. Nicht dass ich das Grab - oder eines der nebenliegenden - wirklich beschmiert hätte. Aber kurz war er da, der Gedanke. Und ich hätte gewusst, was ich geschrieben hätte: Sauf aus Hans, wir gehen.

NACHLESE

--> Laxenburger Herbst
--> Der Zehenmann
--> Eine Straßenbahnfahrt
--> Kaderkaraoke
--> Die Chefsekretärin der Pressestelle lädt ein"
--> Eingetragene Marke "Fernando"
--> Kreativität braucht ein Büro
--> Das Einzelsockenmysterium
--> Abstumpfen im Hochwasser
--> Simmering unter Sternen
--> Gruß an die zugestiegenen Fahrgäste
--> Von oben
--> Trägheit und Minigolf
--> Schaumgummikünstlers Assistent
--> Starbucks ist super
--> Im Swingerclub
--> Mit dem Twingo gegen die Monotonie
--> Im Museumsfreibad
--> Watschen für Othmar
--> Weitere Stadtgeschichten...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

Dienstags auf derStandard.at/Panorama
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    Das Modell des Grabmals von Falco

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